Parorexie Texte, mit Gegenstand und Fragen par pistolet gespielt

von kritische masse

Für die Verschriftlichung einer bestimmten Lesart erscheint es mir sinnvoll, mit einem neuen Texttyp zu experimentieren. Diesen neuen Typ nenne ich Texte des Verlangens nach Ungewöhnlichen oder gar Ungenießbaren, kurz parorektische Texte. Die Medizin bescheinigen Schwangeren oder auch hysterischen Personen, denen ein ungewöhnliches Verlangen plagt, eine Krankheit, die Parorexie. Dieses Problem der Medizin ist nicht mein Problem. Mir geht es um ein Verlangen und nicht um eine Gesundung (und das scheint mein Anliegen von dem William S. Burroughs‘ zu unterscheiden).

Texte verleihen ihrem Gegenstand oder Gegendständen eine Stimme oder Stimmen. Ich vergleiche Texte mit dem Billardspiel. Ein Text ordnet seine Gegenstände in einer Formation an. Beim Billard werden die Kugeln nach bestimmten Regeln mit Hilfe eines Queue in einem bestimmten Spielbild angeordnet. In dem ich einen Text wie die Kugeln auf einem Billardtisch betrachte, folge ich meiner speziellen Lesart von Texten.

Parorektische Texte sind in erster Linie Rezensionen. In zweiter Linie eröffnen sie ein neues Spiel.

Diese Texte entstehen beim Lesen eines Textes, beim Betrachten einzelner Kugeln auf dem Spielfeld, beim Spiel par pistolet, also dem Anstoßen einer Kugel im vorgelegten Spielfeld, aus freier Hand. Das Spiel par pistolet geschieht bewusst, es vermeidet aber in meinem Sinne den Horizont. Es vermeidet als Ergebnis das vorzufinden, was erwartbar ist. Um allgemein zu sprechen, mag das den Horizont erweitern, aber es geht über die Erweiterung des Horizontes hinaus, sofern ein Horizont immer die Erwartungen eingrenzt. Es geht darum zu zeigen, in diesem Spielbild, in dem gelesenen Text lag ein Horizont, der durch das Anstoßen einer Kugel nicht nur auf ganz andere Horizonte verweist, sondern die doppelte Gefangenheit des Lesers offen legt, der in seiner ständigen Suche nach einem Horizont und dem ständigen Prozess der Bildung eines Horizontes für das von ihm Gelesene, das vorgefundene Spielfeld zu einem Gefängnis macht.

Was ist das für eine Bewegung, die auf das Nicht-Erwartbare zielt? Das Motive dieser Bewegung ist die Dekonstruktion als „Erfahrung des Unmöglichen“ (Derrida), die „Erfindung des anderen“ als eine „un-mögliche Erfindung“ (Derrida: papier machine. Le ruban de machine à écrire et autres réponses. Paris 2001.).

Texte verleihen ihrem Gegenstand oder Gegendständen eine Stimme oder Stimmen. Was aber machen Stimmen?

»Der/die/das andere ist das, was niemals erfunden wird und das nie auf Ihre Erfindung gewartet haben wird. Der/die/das andere ruft zu kommen und dies geschieht nur durch viele Stimmen.« (Jacques Derridas: Papier machine. Le ruban de machine à écrire et autres réponses. Paris 2001. Zitiert in der Übersetzung von Alfred Schober: Eine Stimme von anderswo, S. 342)

Rezensionen falle unterschiedlich aus. In der Form der Parorexie Texte kann etwas hervorgehoben werden, das ich für geeignet halte, bestimmte Dinge in einem Spiel für neue Betrachtungen zugänglich zu machen. Ein Kugel wird ins Spiel gebracht. Die andere Möglichkeit ist die, das Gelesene selbst in Bewegung zu setzen, in dem eine oder verschiedene Kugeln in ihr par pistolet gespielt wird.

Ohne sie als Referenz zu erheben, haben mich hier folgende Lektüren angestoßen:

Alfred Schobert: Eine Stimme von anderswo.
»Das Messianische« und die Politik im Werk Jacques Derridas
In: Alfred Schobert: Analysen und Essays. Extreme Rechte – Geschichtspolitik – Poststrukturalismus.

Für die Technik des Par-Pistolet werden verschiedene Künstler_innen Pat_in stehen. Warum zum Beispiel nicht das gute alte Cut-Up von William S. Burroughs – freilich ohne dem erwartbaren Reduktionismus Borroughs’ zu verfallen – und die Essay-Kunststücke von Thomas Nöske?

»Die Hölle besteht darin, dem Feind in die Hände zu fallen, in die Hände der Virusmacht, und der Himmel besteht darin, sich dieser Macht zu entledigen, inneren Frieden zu erlangen, frei zu sein von jeglichen Konditionierungen. Ich möchte hinzufügen, daß keine der Gestalten in meiner Mythologie frei ist. Wären sie frei, würden sie nicht immer noch in dem mythologischen System verharren, das heißt, im Kreislauf konditionierten Handelns.« William S. Burroughs
Zitiert und hiermit empfohlen:
Thomas Nöske: Virtuelle Welten und Naked Lunch. Auf Ewiger Unterstrom. 2007


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