Gerhard Hanloser
Nach Textsammlungen des Rätekommunisten Cajo Brendel und der Philosophin der Arbeiterklassen-Spontaneität Raya Dunayevskaya liegt nun der Band zu dem Historiker und 68er Christian Riechers in der Reihe „Dissidenten der Arbeiterbewegung“ des Münsteraner Unrast-Verlages vor. Der Titel klingt nach 70er Jahre und dennoch sollte man sich von „Die Niederlage in der Niederlage. Texte zu Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus“ nicht abschrecken lassen. Das über 500 Seite dicke Buch spricht nämlich auch die heutige theoretisch und historisch interessierte Linke an. Denn die Textsammlung leistet mehreres: sie führt ein in die turbulente Klassenkampfgeschichte Italiens und präsentiert einen verstörenden Blick auf den historischen Antifaschismus. Außerdem dekonstruiert die Sammlung eine Theorieikone der Neuesten Linken: Antonio Gramsci. Christian Riechers gilt zu Recht als „Pionier der Gramsci-Übersetzung“ (Wolfgang Fritz Haug). Und dieser Gramsci-Kenner ist gleichzeitig einer der schärfsten Kritiker des 1891 in Cagliari auf Sardinien geborene Theoretiker der Kommunistischen Partei Italiens. 1967 erschien in Westdeutschland die von Riechers herausgegebene Textauswahl „Philosophie der Praxis“. 1970 folgte dann seine theoretische Auseinandersetzung mit Gramsci und dem „Marxismus in Italien“. Antonio Gramsci durfte schon so manche Wiederentdeckung feiern. Vor allem seine Bemerkungen zur Kultur, zum Staat und zu der Stärke der kulturellen Hegemonie der Zivilgesellschaft veranlassten viele Gramsci-Leser, der Linken zu raten in einen Kampf um die kulturelle Hegemonie einzutreten. Seine Gefängnisschriften gelten als wegweisend. Höhepunkt der Gramsci-Wiederentdeckung war sicherlich der Artikel des SPD-Vordenkers Peter Glotz in der Wochenzeitung „Die Zeit“ von Januar 1991 unter dem Titel „Was kann Björn Engholms Partei von Antonio Gramsci lernen?“
Für Riechers dagegen war Gramsci eher ein heterodoxer, stark national geprägter Gründervater realsozialistischer Ideologie denn ihr Überwinder. Anfang der 90er Jahre konnte er nur noch Spott aufbringen für die „Zivilgesellschaftsphraseologie“ und die „weltweite Gramsci-Ökumene, die von Trotzkisten und Altstalinoleninisten auf der Linken über ein stark besetztes demokratisches Mittelfeld bis hin zur ‚Neuen Rechten’ sich erstreckt“. Für Riechers müsse man Gramsci ähnlich wie Mao Tse-tung als Beispiele einer theoretischen Regression des Marxismus diskutieren. Ihre Rückübersetzung des Marxismus ins „nationale Kulturerbe“ habe nichts „Schöpferisches“ an sich, sondern verleugne den vor allem internationalistischen Rahmen des Marxismus.
Riechers entstammt der APO-Linken der 60er Jahre. Er verteidigte gegen den Räte- und Spontanitätsenthusiasmus der Neuen Linken die Idee der revolutionären Partei. Riechers war eher strikt kommunistisch als „anti-autoritär“ orientiert. Dutschke notierte am 16. Juli 1967 in sein Tagebuch ein Gespräch mit Riechers, wonach die Parteifrage von der APO nicht vorschnell als erledigt angesehen werden sollte. Tatsächlich orientierte sich Riechers sehr stark an den Schriften des KPI-Gründers Amadeo Bordiga, der in den frühen 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zum Gegenspieler Gramscis wurde. Bordiga war Anti-Stalinist, als Gramsci bereits die Komintern-Vorschläge sklavisch umzusetzen bereit war.
Riechers machte – und hierin typischer 68er – die Anwesenheit eines an Walter Benjamin und den frühen Horkheimer erinnernden Radikalismus bei Amadeo Bordiga aus, der stets auf die Autonomie der Kommunistischen Parteien von der Komintern pochte und schließlich von Gramsci ausgebootet wurde. Doch Bordiga ist vor allem in Hinsicht auf seine praktischen Vorschläge zur Bekämpfung des Faschismus häufig kritisiert worden.Noch heute wird Bordiga von sozialdemokratischen wie parteikommunistischen Historikern eines „Ultraradikalismus“ geziehen, weil er „Antifaschismus“ als übergreifendes Bündniskonzept sowohl in seiner Einheitsfront- als auch in seiner Volksfrontfassung ablehnte. Im Gegensatz zu der Stalinschen Verweigerung von Bündnisarbeit mit der Sozialdemokratie in den frühen 30er Jahren und der verheerenden Wirkung der Sozialfaschismus-Theorie, die einzig sowjetischen Machtinteressen diente, verfolgt Bordiga ein sozialrevolutionäres Konzept der Kompromisslosigkeit und der Reaktivierung des Klassenkampfes. Und seine Kritik des Volksfrontkonzepts weißt Parallelen auf zu der Brechtschen Kritik eben dieses auf Dimitroff zurückgehenden Bündnisvorschlags auf dem antifaschistischen Kongress zur Verteidigung der Kultur 1935 in Paris. Das bürgerliche Liberale und christliche Stimmen umfassende Volksfrontkonzept erschien dem kommunistischen Schriftsteller Bertolt Brecht ein wenig zu breit zu sein und drohe, das originär kommunistische zu verschütten. „Sprechen wir von Eigentumsverhältnissen“, endete Brecht seine Rede, denn der Kapitalismus sei nicht mit der Demokratie, sondern mit dem Profit verheiratet. Auch im Zentrum des Denkens von Bordiga steht die kommunistisch-kritische „Invarianz“, eine Position, die sich selbst als strikt leninistisch begriff. Alle drei bisherigen Bände aus der Reihe der „Dissidenten“ machen aufmerksam auf ein schillerndes Milieu am Rande der historischen Arbeiterbewegung, von dem gerade aufgrund seiner Weigerung, sich korrumpieren zu lassen, heute noch eine Faszination ausgeht.
Dissidenten der Arbeiterbewegung (Reihe im Unrast Verlag, Münster) Band 1: Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Felix Klopotek: Christian Riechers, Die Niederlage in der Niederlage. Texte zu Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus, 576 Seiten, 28.00 Euro
Band 3: Herausgegeben von Kevin Anderson und Peter Hudis: Raya Dunayevskaya, Die Macht der Negativität. Schriften zur Philosophie der Revolution, 384 Seiten, 24.00 Euro
Dissidenten der Arbeiterbewegung

Christian Riechers
Die Niederlage in der Niederlage
Texte zu Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus
Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Felix Klopotek
Reihe: Dissidenten der Arbeiterbewegung Band 1
ISBN: 978-3-89771-453-3
576 Seiten | 28.00 Euro
Im Mittelpunkt dieses Bandes stehen die linkskommunistische Kritik am beginnenden Stalinismus und mehr noch der Zusammenhang von Arbeiterbewegung und Faschismus.

Cajo Brendel
Die Revolution ist keine Parteisache
Ausgewählte Schriften
Ausgewählt und herausgegeben von Andreas Hollender, Christian Frings und Claire Merkord
Reihe: Dissidenten der Arbeiterbewegung Band 2
ISBN: 978-3-89771-462-5
320 Seiten | 18.00 Euro
Der Kommunismus ist keine existiert nicht in fertigen Theorien, sondern in den proletarischen Kämpfen gegen die kapitalistische Ausbeutung. Nur die ArbeiterInnen selber können in ihrer Selbsttätigkeit die Herrschaft des Staats und der Parteien überwinden.

Raya Dunayevskaya
Die Macht der Negativität
Schriften zur Philosophie der Revolution
Herausgegeben von Kevin Anderson und Peter Hudis
Reihe: Dissidenten der Arbeiterbewegung Band 3
ISBN 978-3-89771-472-4
384 Seiten | 24 Euro
Was Dunayevskayas Philosophie der Befreiung von akademischer Selbstgenügsamkeit abhebt, ist nicht zuletzt diese Orientierung an den Kämpfen ihrer Zeit – von den wilden Streiks in den USA über den ungarischen Aufstand 1956 bis zur neuen Frauenbewegung in den siebziger Jahren.
2 Antworten auf „Ein Kritiker Gramscis“