Die urbanen Wurzeln der Krise. Ein Interview mit David Harvey über Klasse, Krise und die Stadt.
In: analyse & kritik 541
David Harvey berichtet im 1. Teil dieses Interviews über den Zusammenhang von neoliberaler Stadtentwicklung und der kapitalistischen Krise. Gefragt wird dabei nach den Entstehungshintergründen für klassenspezifische Verhaltensweisen, die „an allen möglichen Orten: zu Hause, in der Kneipe, in der Nachbarschaft …“ entstehen. Zu dem Klassenbewusstsein in US-amerikanischen Vororten sagt Harvey: „Die Leute konnten dort leben, aber sie mussten sich bestimmten Regimen unterwerfen, wie zum Beispiel den entsprechenden Eigentumsordnungen, der Finanzierung der Wohnung durch Hypotheken und all diesen Dingen. Also beginnen diese Leute, in ihren Häusern eine Form der Geldanlage zu sehen. Ihre politischen Einstellungen verändern sich dahingehend, dass der Werterhalt ihres Hauses zu einem zentralen Anliegen wird. Wenn nun also Leute mit der falschen Hautfarbe zuziehen oder unerwünschte Verhaltensweisen auftauchen, dann treten auf einmal Interessengemeinschaften von HauseigentümerInnen auf den Plan und sagen „Nicht bei uns . (…) Wir wollen unter uns bleiben!“ Wenn die Leute damit beginnen, nicht mehr ihre Lebnsweise, sondern ihre Eigentumswerte zu verteidigen, dann ändern sich ihre sozialen und politischen Einstellungen ganz gewaltig. “
Nach Harvey stellt „die Immobilienkrise einen der größten Vermögensverluste in der Geschichte der Schwarzen Community“ (Jan Ole Arps) dar. „Akkumulation durch Enteignung“, nenn Harvey den Prozess der Mehrwertabschöpfung dieser Form der Urbanisierung:
„Die Spekulation mit Immobilien spielte insbesondere nach dem Platzen der High-Tech-Blase ab 2000 eine immer größere Rolle. Das Überschüssige Kapital suchte im Immobiliensektor und der Stadtentwicklung den Rettungsanker. Das Problem dabei: Wenn der Immobiliensektor in einer Zeit niedriger Löhne und stagnierender Einkommen mehr Kapital aufnehmen soll, dann bleibt nur die Möglichkeit, den Leuten Geld zu leihen, damit sie sich Häuser kaufen können.“ Die Krise trifft die Menschen mit niedrigem Einkommen am stärksten: „Die Subprime-Krise hat vor allem solche Bevölkerungsteile getroffen, die nicht sehr wohlhabend sind und darüber hinaus vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt waren, zum Beispiel Schwarze und hispanische Teile der Bevölkerung. Ihnen wurde Geld zugeschoben, um die Investitionen der großen Bauunternehmen im Immobilienmarkt zu retten. Wenn sich nun die Zinsen in die falsche Richtung entwickeln, dann stürzt das ganze Kartenhaus in sich zusammen.“
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Unrast Bücher zum Thema:
jour fixe initiative berlin hg.
Klassen und Kämpfe
Andreas Kemper, Heike Weinbach
Klassismus
Eine Einführung
Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hg.)
Mythen, Masken und Subjekte
Kritische Weißseinsforschung in Deutschland
Ernst Lohoff / Norbert Trenkle (Gruppe Krisis)
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Wie die globale Krise die Systemfrage stellt – und wie diese zu beantworten ist.
Susanne Spindler, Iris Tonks (Hg.)
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Ronald Hartz, Tom Karasek, Clemens Knobloch (Hg.)
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Christian Jakob / Friedrich Schorb
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Die Vernichtung von Sozialbauvierteln ist ein zentrales Projekt der repressiven Wende der amerikanischen Sozialpolitik. In New Orleans vollzieht sie sich – dank des Hurrikans „Katrina“ – im Zeitraffer. Die Autoren lassen nach dem Sturm aus der Stadt vertriebene afroamerikanische Sozialmieter, Verantwortliche aus Bundesbehörden, Manager von Immobilienfirmen, Aktivisten und Bürgerrechtler sprechen. Sie erzählen, wie am Mississippi im Namen des ‘Wiederaufbaus’ ein brutales Verwertungs- und Vertreibungsprogramm durchgesetzt wird.
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