Wenn das Verbrechen zur biologischen Krankheit wird

bo-alternativ.de Rezension zu:

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Rolf van Raden
Patient Massenmörder
Der Fall Ernst Wagner und die biopolitischen Diskurse

ISBN: 978-389771-754-1
Ausstattung: br., 184 Seiten
Preis: 24.00 Euro

Edition Diss Band: 25

Auszug aus der Rezension:

In seinem Buch spürt Rolf van Raden, dessen journalistische Erfahrung das Buch auch für Laien verständlich macht, der Frage nach, wie es dazu kommt, dass der fast hundert Jahre alte Mordfall bis heute eine Rolle spielt. Der Autor rekonstruiert, wie im Deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik über den Fall gesprochen und geschrieben wurde. Dabei kommt er zu bemerkenswerten Ergebnissen: Zunächst bemächtigten sich die Psychiater des Falls. Mit dem Hinweis auf den gefährlichen Geisteskranken verbreiteten sie Degenerations- und Entartungstheorien. Schritt für Schritt weist der Autor nach, wie die Psychiatrie systematisch die Reichweite ihrer Diskurse ausdehnte, bis im Nationalsozialismus schließlich die ärztliche Tötung von mehr als 100.000 Anstaltsinsassen möglich wurde. Der Täter Ernst Wagner und seine Psychiater erscheinen in diesem Zusammenhang als Referenzfiguren eines Jahrhunderts der Biopolitik, das keineswegs 1945 endete: Bis heute werde die Politik maßgeblich durch die Frage geprägt, wie das Gesellschaftskollektiv vor seinen inneren und äußeren Gefahren geschützt werden könne. Indem der Autor die Diskurse über Krankheit, Verbrechen, Schuld und Geisteskrankheit bis in die Gegenwart nachverfolgt, zeigt er: Noch immer wird die vor den Gefahren zu schützende Gesellschaft als quasi-biologischer Organismus gedacht.

http://www.bo-alternativ.de/2009/10/03/rolf-van-raden-patient-massenmoerder/


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