(k.m.) Der ehemalige Chefredakteur bei Bild am Sonntag, Wahlkampfleiter für Stoiber und Medienberater von Jürgen Rüttgers (Stichwort »Kinder statt Inder«) sowie Redaktionsleiter bei Menschen bei Maischberger Michael Spreng ist auf der Suche. In seinem Blog »sprengsatz« fragt er »Wer wird der deutsche Pim Fortuyn?« – Der Stoff für seinen Sprengsatz speist er aus der Begeisterung für die sozial-eugenisch rassistische Debatte, die jüngst Thilo Sarrazin bei den gehobeneren Rechten neu entfachen konnte.
Michael H. Spreng ist eine Experte für die »Ängste der Konservativen« und hat sein Klientel im Blick, wenn er feststellt: »…der Noch-Sozialdemokrat Sarrazin ist zum Kristallisationspunkt für die gesellschaftlichen Ängste der Konservativen geworden, für diejenigen, die sich in der heutigen CDU/CSU nicht mehr wiederfinden. Offensichtlich gibt es rechts von der CDU Angela Merkels eine größere Lücke, als bisher gedacht.« Das Feld reiche von FAZ bis zur extremen Rechte, von Bild über Stoiber. Und tatsächlich, dieser Markt, für die elitären Rassisten und Edelklassenkämpfer, die »nie NPD wählen« (Spreng), wird nicht nur von der Jungen Freiheit bedient, die mit ihren Diskursen seit Jahrzehnten den Extremismus der Mitte aus der Giftküche von Carl Schmitt & Co. bedient, sondern auch Peter Sloterdijk („Berufsempörer“ / „Aufbruch der Leistungsträger [sic!]“) stellt sich passender Weise im Cicero in die Schlange derjenigen, denen die »Modernisierung und kulturelle Öffnung der CDU unter Merkel« (Spreng) zu soft und unästhetisch ist.
„Heimatlose Rechtskonservative“
Die zwar geistig nicht wurzellose und dabei durchaus flexible Zielgruppe, bei denen Sarrazin zünden konnte, ist von Spreng schnell ausgemacht und gut vertraut, denn »(d)iese heimatlosen Rechtskonservativen gab es schon immer. Mal scharten sie sich um Möllemann, der aus der FDP eine Haider-Partei machen wollte, mal um Alexander von Stahl, den ehemaligen Generalbundesanwalt …«.
Zur Erinnerung, Alexander von Stahl ist Propagandist und Hausjurist der antidemokratischen, völkisch nationalistischen Jungen Freiheit, die Stahl aus den Verfassungsschutzbericht und damit aus der amtlich-markierten »rechtsextremistischen« Ecke rauspaukte. Tatsächlich ist es die Jungen Freiheit als Flagschiff der »Neuen Rechten«, die mit dem Klotz des Holocausts am Bein sich bisher für die Ideengeber des NS, der sogenannten »Konservativen Revolution« (Armin Mohler) stark machte und auch für die geistig Vertriebenen eine Zukunft (oder Heimat) in den Gespenstern der Vergangenheit sucht. Als Elite, die zwar den Nazis die Ideen lieferte, aber mit dem Mob als solches lieber nicht zu sehr in Berührung kommen wollte, ist diese »Klasse statt Masse«-Rechte der „Konservative Revolution“ sicher gut beschrieben. In Zeiten, wo eine schwarz-gelbe Regierung eine »sozial«-neo-liberale Politik – also letztlich sozialdemokratische Politik – fortführen muss, rumort es nun besonders in dieser Klasse, und »sprengsatz« hat dazu den politikberatenden Riecher: »Diese schweigende Minderheit sehnt sich nach Idolen, nach Führungsfiguren, die „endlich einmal die Wahrheit sagen“, die all das aussprechen, was nach der political correctness nicht mehr ausgesprochen werden darf. Und so wurde Sarrazin ihr Held: Wenigstens einer, der noch Mut hat.«
Wer wäre geeigneter als Michael Spreng, den herbeizuredenden Anti-pc-Messias und germanischen Pim Fortuyn zu berufen und zu beraten? Der Nietzsche-Transkripteur und Prophet eines „antifiskalischen Bürgerkriegs“ Peter Sloterdijk? Nietzsche ist tot, sein radikaler Aristokratismus lebt und feiert aktuell sarrazinische Umstände. Als würde das nicht reichen, suchen die »schwiegenden« Sprengmeister ihren Erlöser, der den „Sprachkarren“ (Sloterdijk) aus den „Dreck“ (Sloterdijk) peitscht.
Lesenwert in Sachen Thilo Sarrazin:
Sarrazins Sozialeugenik von Andreas Kemper, Autor einer Einführung über den »Klassismus«.
Meine Literaturempfehlung zur „Klasse statt Masse“-Rechten:
Kurt Lenk: Vom Zeitalter der Massen zum Aufstand der Eliten.
In: Kurt Lenk 2009: Von Marx zur Kritischen Theorie.
Bernhard Schmid: Neue Rechte in Frankreich.
Bernhard Schmid gibt hier einen schönen und kurzen Überblick über die Vordenker der antidemokratischen extremen Rechten, die wie Alain de Benoist hierzulande besonders von der Jungen Freiheit gepflegt werden.
Alfred Schobert: Analysen und Essays. Extreme Rechte – Geschichtspolitik -Poststrukturalismus.
Bei der Lektüre zu sehen, wie es Schobert gelingt seine „bohrende Fragen nach dem, was eigentlich »rechtes« (und implizit dann auch »linkes«) Denken qua Denken sei“ (kultuRRevolution) an Diskurse wie den o.g. zu stellen, ist für mich äußerst lehrreich und bereichernd.
Heiko Kauffmann, Helmut Kellershohn, Jobst Paul (Hg.): Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt – Analysen rechter Ideologie.
Es ist beachtlich, wie sich die Ideen der kulturpessimistisch gestimmte Intelligenz von damals in den Diskursen von heute trotz Auschwitz treffen.
Zu Carl Schmitt und weiteren „Vordenkern“ ist noch immer sehr lesenswert:
Kurt Lenk/Günter Meuter/Henrique Otten: Vordenker der Neuen Rechten. Frankfurt a.M./New York: Campus 1997
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