Meisner-Dawkins Debatte: Kritische Hintergründe zur Evolutionsbiologie Richard Dawkins

Nach den heutigen Pressemeldungen sorgt der Kölner Erzbischof Joachim Meisner mit „Nazi-Vergleichen“ für Aufsehen. Danach „rückte er das Weltbild des Evolutionsbiologen Richard Dawkins in die Nähe der NS-Ideologie“ Tatsächlich werden die evolutionsbiologischen Thesen Dawkins schon länger unter dem Aspekt einer sich nach dem NS erneuernden und wandelnden Eugnik diskutiert.

Das Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung legte dazu 2008 eine Studie vor:

Dorothee Obermann-Jeschke – Eugenik im Wandel: Kontinuitäten, Brüche und Transformationen. Eine diskursgeschichtliche Analyse
Edition DISS Bd. 19
1. Auflage, 2008
ISBN 978-3-89771-748-0

Danach rezipiert der Evolutionsbiologe Richard Dawkins in seiner Theorie Wissensformationen der Darwinischen Theorie, modifiziert sie und verbindet sie mit Wissensformationen der Genetik. Dabei hebt er insbesondere auf das molekularbiologische Zentraldogma ab.

Die Transformationen von Wissenselementen der Evolutionstheorie Darwins zeigt die Studie von Dorothee Obermann-Jeschke an Texten, die im Rahmen der synthetischen Theorie entstanden sind. Die synthetische Theorie ist eine Evolutionstheorie, die von ihren Vertretern und von der Wissenschaftsforschung als „Erweiterung der Theorie Darwins“ (WUKETITS 1988) verstanden wird. Neben diesem Traditionsbezug ist in Hinblick auf die von Obermann-Jeschke erfassten Themen ausschlaggebend, dass ihre Vertreter sie als „Selektionstheorie“ verstehen und sich bei der Erklärung der Evolutionsprozesse primär auf die Genetik beziehen. Während die meisten Vertreter der Synthetischen Theorie in Anlehnung an Darwin das Individuum als „Zielscheibe der Selektion“ (WUKETITS 1988) ansehen, betrachtet der englische Evolutionstheoretiker Richard Dawkins das Gen als die Selektionseinheit. Da gentechnische Verfahren ebenfalls auf einzelne Gene zielen, erscheinen Obermann-Jeschke seine Ausführungen in: „Das egoistische Gen“ und „The Extended Phenotyp“ als besonders geeignet, um mögliche Verbindungen zwischen Selektionsansätzen und genetischem Wissen aufzuzeigen. Neben möglichen Transformationen evolutionstheoretischer Elemente kann die Studie am Beispiel der Synthetischen Theorie auch mögliche Transformationen gendeterministischer Wissenselemente aufzeigen. Denn die Rede von der in diesem Diskurs zentralen Weismanndoktrin findet in der Synthetischen Theorie ihre Entsprechung in den Rezeptionen des zentralen Dogmas der Molekularbiologie. Das zentrale Dogma als Kernprinzip der Molekularbiologie formulierte Francis Crick (*1916-†2004). Umgangssprachlich drückt er es wie folgt aus: „Die DNA macht die RNA, die RNA macht Proteine, und die Proteine machen uns“ (Crick zitiert nach FOX-KELLER 2001, S. 76).

Die Studie liefert Hintergründe für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Debatte, um die Meisner-Predigt und aktueller Debatten um eine »neue« Eugenik.

In der aktuellen bioethischen Debatte werden Verfahren der Pränatalen Diagnostik als Form einer »neuen« Eugenik diskutiert. Die Formierung als »neu« beruht dabei auf der Abgrenzung von einer »alten« Eugenik, die mit der moralisch diskreditierten NS-Rassenhygiene gleichgesetzt wird. In diesem Buch wird die in dieser Abgrenzung liegende reduktionistische Perspektive auf das Phänomen Eugenik hinterfragt. Gegenüber der Engführung der Bedeutungsinhalte auf die NS-Rassenhygiene wird die historische Entwicklung eugenischen Wissen seit dem 19. Jahrhundert bis in die gegenwärtige soziale Praxis untersucht. Exemplarisch wird aufgezeigt, wie dieses eugenische Wissen über Wissenschaft und Medien in die Lebenswelt der Individuen zirkuliert und deren Denkrahmen und Handlungsmöglichkeiten im Kontext der pränatalen Diagnostik bestimmt.

Willi Bischof
Presse

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