Einleitung zu »Autonome Nationalisten«

Autonome Nationalisten
Jürgen Peters & Christoph Schulze (Hg.)
»Autonome Nationalisten«
Die Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur
unrast transparent – rechter rand
ISBN 978-3-89771-101-3 | Taschenbuchformat, 80 Seiten | 7.80 EUR [D]
Unrast Verlag, Münster, Oktober 2009

Ein »Schwarzer Block«, Basecaps, dunkle Kleidung und Parolen wie »Fight the system!« – die Verwirrung ist groß, seitdem vor einigen Jahren erstmals »Autonome Nationalisten« (AN) auf Neonazi-Aufmärschen zu beobachten waren. Es handelt sich um eine Strömung in der militanten Neonaziszene, die sich diverser Symbole, Codes und Sprachformen bedient, die bisher in der Linken verortet waren. Das Buch nimmt Entstehungsgeschichte, Ideologie, politische Praxis, Habitus und Selbstverständnis der AN unter die Lupe und beleuchtet ihr Verhältnis zu anderen Organisationen der extremen Rechten

Einleitung

Im August 2007 kam es in Dresden zu einem Angriff auf einen senegalesischen Studenten. Schwarz gekleidete Jugendliche schlugen ihn, begleitet von rassistischen Beleidigungen. Die Polizei ermittelte aufgrund der Täterbeschreibung in der „linksautonomen Szene“, obwohl sie immerhin ahnte, dass da etwas nicht stimmen konnte. Die Tat würde „an sich nicht so recht in das Profil der sonstigen Straftaten aus dem linksautonomen Milieu passen“, hieß es in einem Bericht. Natürlich konnten die Täter nicht ermittelt werden…

Die Verwirrung ob der vermeintlich neuen neonazistischen Erscheinungsform „Autonome Nationalisten“ ist groß, sowohl bei der Polizei, als auch in diversen Medien.

Nach dem 1. Mai 2008, als Neonazis in Hamburg bei einem ihrer Aufmärsche Journalisten, Gegendemonstrantinnen und Gegendemonstranten sowie Polizeikräfte angriffen, war die Aufregung groß: „Autonome“ Neonazis? Wie aus dem Nichts aufgetaucht und nahezu identisch mit der autonomen Linken, so zumindest die nicht nur oberflächliche, sondern auch falsche Analyse in einigen Medien. Das gleiche wiederholte sich ein Jahr später in Dortmund. Über 400 Neonazis, die meisten aus dem Spektrum der „Autonomen Nationalisten“ (AN), griffen am 1. Mai 2009 „wie aus dem Nichts“ eine DGB-Demonstration an. Die Polizei war trotz diverser gegenteiliger Hinweise im Vorfeld davon ausgegangen, dass die Neonazis vom Dortmund Hauptbahnhof aus zu einer genehmigten Demonstration nach Siegen fahren wollten und hatte deshalb nur wenig Kräfte vor Ort.

Seit 2003 gibt es in der militanten Neonazi-Szene eine Strömung, die sich jener Symbole, Codes und Sprachformen bedient, die bisher eindeutig in der Linken verortet waren. Handelt es sich bei den „Autonomen Nationalisten“ nur um verkleidete Neonazis oder um eine neue Form eines extrem rechten jugendkulturellen Sozialisationsangebotes? Sind die AN nur eine temporäre (Mode-)Erscheinung oder sind sie mehr? Was lässt sich aus der Enteignung der Form politischer Selbstinszenierung lernen?
Das vorliegende Buch möchte in komprimierter und verständlicher Form dem Phänomen „Autonome Nationalisten“ auf den Grund gehen.

Im ersten Kapitel nimmt Christoph Schulze den Kontext, die Geschichte und den Charakter der „Autonomen Nationalisten“ unter die Lupe. Bei den AN steht Popkultur wesentlich höher im Kurs als NS-Nostalgie. Wie und warum sind die AN entstanden, welches politische Selbstverständnis haben sie? Was macht sie attraktiv für Jugendliche?

Daniel Schlüter nimmt sich im zweiten Kapitel die inhaltlichen Perspektiven des „Autonomen Nationalismus“ vor. Hierbei stößt er bei der Suche nach einem inhaltlich geleiteten Konzept der AN auf „eine gewisse Leere“ und auf eine „Suchbewegung“. Der Riot, den die „Autonomen Nationalisten“ inszenieren, erweist sich häufig vor allem auch als Riot in den Köpfen der Beteiligten.

Jan Raabe widmet sich im dritten Kapitel den „Autonomen Nationalisten“ als jugendkulturellem Phänomen. Handelt es sich bei der Entstehung der AN um einen politisch reflektierten und strategisch ausgerichteten Prozess oder um eine jugendkulturelle Dynamik, in der „cooles“ und „modisches“ Auftreten von zentraler Bedeutung ist? Und welche Rolle spielt Hardcore für die AN und ihre Entstehung?

Die politische Ästhetik der extremen Rechten nach 1945 kennt keine eigenständige Bilder- und Formensprache. Was also tun, wenn man als AN modern und jugendkulturell zeitgemäß erscheinen möchte? David Begrich beschäftigt sich im vierten Kapitel mit der politischen Ästhetik der „Autonomen Nationalisten“ und deren An- und Enteignung von Bildern und Formen aus anderen ästhetisch-politischen Strömungen.

Bei weitem nicht alle Strömungen des Neonazismus können sich trotz inhaltlicher Übereinstimmung mit dem Auftreten der „Autonomen Nationalisten“ anfreunden. Insbesondere die NPD bemüht sich um Abgrenzung, befürchtet sie doch, dass Wählerinnen und Wähler durch die „Straßenkampf“-Ästhetik der „Autonomen Nationalisten“ abgeschreckt werden. Jürgen Peters und Tomas Sager schauen im fünften Kapitel hinter die Kulissen des Streitpunktes „Autonome Nationalisten“.

Für die beispielhafte Darstellung einer lokalen Gruppe der „Autonomen Nationalisten“ wagt Johannes Lohmann im sechsten und letzten Kapitel einen Blick in die Provinz auf die „Autonomen Nationalisten“ in Pulheim, einer Kleinstadt im Kölner Umland. Wenngleich diese Neonazigruppe aktuell nicht zuletzt wegen anstehender Strafprozesse ihren Aktivitätsgrad stark eingeschränkt hat, so wird doch deutlich, dass es sich bei den „Autonomen Nationalisten“ inzwischen nicht mehr nur um ein urbanes Phänomen handelt, das aus gewachsenen Neonazi-Strukturen entsteht.

Jürgen Peters und Christoph Schulze, August 2009

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