von der AG gegen Rassismus in den Lebenswissenschaften in: HUch! Sonderausgabe Rassismus – Winter 08/09
In den gegenwärtigen Lebenswissenschaften gehören Rassifizierungen zum angesagten Repertoire. Seit den Auseinandersetzungen um Kolonialismus und Nationalsozialismus nach dem Zweiten Weltkrieg schien das Schicksal biowissenschaftlicher „Rasse“-Modelle besiegelt zu sein; die Einteilung von Menschen in verschiedene Gruppen der Gattung homo wurde von vielen Wissenschaftler_innen als unwissenschaftlich und ideologisch zurückgewiesen. Der „Rasse“-Begriff sollte – so wurde formuliert – höchstens noch zur sozial- und kulturwissenschaftlichen Bezeichnung sozial konstruierter Gruppen dienen. Da rassistische Diskurse jedoch nach wie vor auf biologische Unterscheidbarkeit rekurrieren und sich wissenschaftlicher Rassismus nicht wie erhofft in die Geschichte verabschiedet hat, wurde es immer wieder notwendig, rassistische Konstruktionen in biowissenschaftlicher Forschung zu kritisieren.
Zuletzt waren gerade die Genetiker_innen des Humangenomprojektes der Meinung, dem Begriff „Rasse“ die Basis entzogen zu haben, indem sie die 99,9-prozentige Gleichheit der Genome aller Menschen verlautbarten.
Im Zuge der Sequenzierung des menschlichen Genoms in den 1990er Jahren wurden mit der Genetifizierung von Ungleichheit jedoch auch verschiedene lebenswissenschaftliche Projekte gestartet, die nun quasi die ‚übrigen‘ 0,1 Prozent auf Unterschiede untersuchen und „ethnische“ bzw. „rassische“ Differenz festschreiben wollen. So forderte bspw. auf dem Weltkongress der Human Genome Organisation (HUGO) im April 2004 Abdallah Daar, Vorsitzender der Ethikabteilung von HUGO, das „Konzept der Rasse“ wieder einzuführen, um eine, wenn schon nicht individuelle, so doch wenigstens für „Subpopulationen maßgeschneiderte Medizin“ zu ermöglichen. Im Ergebnis der Konzepte genetisch rassifizierter Differenz ist das Herzmedikament BiDil entwickelt worden, welches im Juni 2005 von der USamerikanischen Arzneimittelbehörde ausschließlich für Afroamerikanier_innen zugelassen wurde. Damit ist es das weltweit erste „racespezifische Medikament“. Die seither eingebrachten umfangreichen Kritiken sowohl an der Methodik der Genehmigungsstudie, an den pharmazeutischen Vermarktungsstrategien sowie die obskure Lobbypolitik des Herstellers führten keinesfalls zu einer Rücknahme der Vermarktungsrechte des rassifizierten Präparats.
Im Rahmen der Genetifizierung von Ungleichheit Mittels Gensequenzierungstechniken sind seit den 1990er Jahren verschiedene Versuche gestartet worden, „rassische“, „ethnische“ oder „völkische“ Zugehörigkeit feststellen zu können. In den letzten Jahren kamen hierfür verschiedene Testverfahren auf, die versprechen, statistische Wahrscheinlichkeitsaussagen einer DNAAnalyse hinsichtlich „rassischer“ bzw. „ethnischer“ Herkunft vornehmen zu können. Umgesetzt werden diese Analysen unter anderen in verschiedenen kommerziellen „Abstammungs“-Tests, die „Herkunft“ bzw. die „Vorfahren“ anhand individueller DNA-Proben festzustellen meinen und damit einen florierenden Markt von „ancestry tests“, „genetic profiling“ und „genetischer Genealogie“ ermöglicht haben. Ergebnisse dieser Tests sind etwa die vermeintliche Abstammung von „Wickingern“, „Kelten“, „Germanen“, „Juden“ oder anderen „Völkern“. Derartige DNA-Tests finden derzeit noch im Teststadium Eingang in gerichtsmedizinische Untersuchungen, die zur Bestimmung der „Ethnizität“ der_des Täter_in dienen sollen. Gemein ist diesen unterschiedlichen Bereichen rassifizierender lebenswissenschaftlicher Forschung die Popularisierung und Verfestigung der Annahme biologisch begründeter „rassischer“ Unterschiede auf der Basis von genetischem Wissen. Hauptkritikpunkt ist diesbezüglich, dass hiermit Rassismus ausgeblendet wird. Haben viele Studien darauf hingewiesen, dass beispielsweise Unterschiede in der Gesundheit in sozialen Faktoren, insbesondere Rassismus, begründet liegen, so erscheinen im Kontext dieser genetischen Forschungen die Auswirkungen sozialer Ungleichheit als biologischer Fakt.
Die aufgezählten Beispiele von Kontinuitäten und Erneuerungen biologischer „Rasse“-Konzepte sind dabei Teil einer allgemeinen, in den letzten zwei Jahrzehnten erfolgenden Biologisierung des Sozialen. Mit dem Boom „rassisch“ und „ethnisch“ differenzierender Forschungen in verschiedenen lebenswissenschaftlichen Disziplinen schreiben sich hier zudem verschiedene Traditionslinien des wissenschaftlichen Rassismus fort.
Rassistische Diskriminierung, Privilegierung, der unterschiedliche Zugang zu medizinischen Ressourcen zwischen Weißen, Schwarzen und People-of-Color hat jedoch erheblichen Einfluss auf Krankheiten. Biologie und Soziales kann nicht getrennt betrachtet werden, da sich soziale Umstände verkörpern und die „Natur“ immer innerhalb kultureller (und damit auch rassifizierter) Bedeutungsmuster wahrgenommen wird. Diese Sichtweise wird von rassifizierenden medizinischen Forschungen durch die Annahme biologischer Essenzen ausgeschlossen. BiDil ist dabei nur ein Beispiel gegenwärtiger Biologisierungstendenzen des Begriffs „Rasse“.
In der Kriminologie gibt es verschiedene Versuche, „ethnische Marker“ innerhalb von DNA-Analysen bestimmen zu können. Damit werden Täter_innenpro-file erstellt, mittels derer eine sogenannte ethnische Zugehörigkeit“ zugeschrieben wird. Hier zeigt sich einerseits, dass „Ethnie“ größtenteils als Ersetzung des biologischen „Rasse“-Begriffs dient. Andererseits ist zu erkennen, dass genetisches Wissen in die Konstruktion von „Rasse“ Eingang gefunden hat. Diese biowissenschaftliche Erneuerung rassifizierter Differenzen haben aufgrund der Wirkungsmacht lebenswissenschaftlicher Forschungen und deren Anschlussfähigkeit an Alltagsrassismen weitreichende Effekte. Es ist naheliegend, dass in Folge der Forschungen auch eine Biologisierung rassistischer Stereotype erfolgt, die sich im deutschen Kontext in den Debatten etwa um das „Problem der Ausländerkriminalität“ ranken. Troy Duster, Wissenschaftssoziologe aus Berkeley, warnt davor, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis Verhaltensgenetiker_innen bei dieser Art von Forschung Daten generieren, welche Bezüge zwischen Gewaltbereitschaft, Kriminalität und „Rasse“ konstruieren. Die Darstellung von Korrelationen wird mit biowissenschaftlicher Autorität vermeintlich zur Kausalität.
Auch im deutschsprachigen Raum gibt in den Lebenswissenschaften Kontinuitäten der biologischen „Rasse“-Kategorie. So findet sie sich als neutraler biologischer Fakt in nahezu jedem gegenwärtigen Nachschlagewerk und Lehrbuch der Biologie, Medizin oder Psychologie.
Zwar wird sie in den unterschiedlichen lebenswissenschaftlichen Fächern sehr kontrovers diskutiert sowie auch klar abgelehnt. Dennoch hat sich die Auffassung von „Rasse“ als existente naturwissenschaftlich-objektive Kategorie einerseits und der angeblichen „politischen Vereinnahmung“ des Begriffs (durch z. B. den Nationalsozialismus) andererseits als Position des lebenswissenschaftlichen Mainstreams gehalten.
Siehe auch in diesem Blog:
# GID: „Das Konzept der „Rasse“ wird seit einigen Jahren in den Biowissenschaften wieder vermehrt verwendet“
# Wissenschaftlichen Rassekonzepte: Eine für den deutschen Kontext fundierte und differenzierte Darstellung
Unrast Bücher der Kritik

AG gegen Rassismus in den Lebenswissenschaften (Hg.)
Gemachte Differenz
Kontinuitäten biologischer »Rasse«-Konzepte
ISBN 978-3-89771-475-5 | 376 Seiten | 19.80 Euro
Die Autor_innen dieses Bandes beschäftigen sich mit wissenschaftlichen »Rasse«-Konzepten in ihrer historischen Entwicklung vom Kolonialismus bis in die Gegenwart. Sie untersuchen die Konjunktur rassistischer Forschungsprojekte in den heutigen Biowissenschaften sowie die wissenschaftliche Herstellung dieser Konzepte. Wichtige Bezugspunkte sind dabei die sozialkonstruktivistische sowie postkoloniale Theorie, die kritische Weißseinsforschung, die feministische Naturwissenschaftskritik und Ansätze der Wissenschaftssoziologie. Der Band gibt damit einen Überblick über die Kritik an Kontinuität, Reetablierung und Modernisierung von »Rasse« in den biowissenschaftlichen Disziplinen.
Gemachte Differenz – Einleitung
AGgR – AG gegen Rassismus in den Lebenswissenschaften
Die AG gegen Rassismus in den Lebenswissenschaften gründete sich in Berlin im Wintersemester 2004/05 nachdem der Biologie-Professor Andreas Elephandt in einem interdisziplinären Seminar der Gender Studies, Philosophie und Biologie an der Humboldt Universität die Existenz von „Menschenrassen“ und einer universellen genetischen Disposition zu Rassismus behauptete. Gegen massiven Druck der Universitätsleitung und des Instituts für Biologie organisierte die AG die Veranstaltung „‚Menschenrassen‘? – Zur Aktualität rassistischer Konzepte in den Biowissenschaften“, die die wissenschaftliche Unhaltbarkeit von biologischen „Menschenrassen“-Konzepten und die Untrennbarkeit von keineswegs „wertfreier“, „objektiver“ Wissenschaft und Politik aufzeigen sollte.
Hier geht es zu der Website der
AG gegen Rassismus in den Lebenswissenschaften.
HUch! Sonderausgabe Rassismus – Winter 08/09 [PDF]:
Biologistische „Rasse“-Konzepte. Still Alive?!
von der AG gegen Rassismus in den Lebenswissenschaften
Geschichte, Kontinuitäten und Gegenwart des wissenschaftlichen Rassismus. Rezension von Doris Liebscher in KILBY2. Phase 2 Nr. 32 12/09 Literaturbeilage – Winter 2009
Notationen:
Schokolade
Linksnet
halluzinogene.org
Ceeieh – Anzeige
alive.denkladen.de
6 Antworten auf „Biologistische „Rasse“-Konzepte. Still Alive?“