Krieg hießt jetzt „Engagement“ – Neue deutsche Kolonialphantasien

Das Erdbeben in Haiti beflügelt nicht nur den Katastrophenkapitalismus, sondern auch die Kolonialphantasien neoliberaler und konservativer Medien. Einen aktuellen Überblick liefert dazu der „Informationen zur Deutschen Außenpolitik“1: Neue Kolonien:

Die neuen Kolonien. Welt Online 27.01.2010
Gerd Held, seines Zeichens Publizist und Privatdozent für Stadtplanung wagt sich an das „K-Wort“ (für Kolonie) und outet das wohlklingende „Engagement“ als die Sache, um die es tatsächlich geht: Krieg.
Krisengebiete wie Haiti brauchen starke Nationen für nachhaltiges Engagement vor Ort. (…) Man spricht nicht offiziell das böse K-Wort aus, aber im Alltag ist doch von „unserer Kolonie“ die Rede. (…) Die Hoffnung, in Ländern wie Afghanistan ein flächendeckendes Staatswesen aufbauen zu können, erscheint auf absehbare Zeit wenig realistisch. Wenn dies die einzige Perspektive für ein Engagement bilden würde, wäre ein resignierter Rückzug schon programmiert. Doch könnte hier der Koloniegedanke den Blick in eine andere Richtung lenken.

Haiti ist nicht am Ende. Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.01.2010.
Von Matthias Rüb
Zitat: „Für eine Übergangszeit muss Haiti eine Art humanitäres Protektorat werden“.

Matthias Rüb beliefert aus „Port-au-Prince“ sein weißes Publikum mit den vertrauten Schauergeschichten, in der die Zerstörung der Lebensbedingungen in Haiti durch postkoloniale Politik von IWF und Weltbank oder die Ausbeutung des Elends durch Disney-Billiglohn-Fabriken kein Thema sind. Nach dem Bericht käme niemand auf die Idee, das „unzivilisiert“ die Ausbeutungsmaschinerie bezeichnen ließen, bei der ein Disney T-Shirt im Wal-Mart das fast das Fünffache des Tageslohns einer Arbeiterin in Haiti kostet2.

Aber auch der „links-liberale“ Freitag sonnt sich paternalistisch und phantasiert kräftig mit:

Der Eingriff in die Souveränität von Armutsstaaten könne durchaus „richtig sein“, wenn er „zeitlich befristet bleibt“, schreibt eine linksliberale Wochenzeitung.[3] Dort wird explizit darüber nachgedacht, ob „gescheiterte, verlorene oder schlichtweg lebensunfähige Staaten nicht mit einem Dasein als Protektorat besser bedient“ seien. Für Port-au-Prince erscheine „die jetzt naheliegede staatliche Selbstaufgabe fast logisch“, heißt es in dem Blatt; es sei „eine offene Frage“, „ob der Staat Haiti überhaupt wiederbelebt werden soll“.[4]Neue Kolonien. german-foreign-policy.com 1.2.2010

Unter dem bezeichnenden Namen „Entwicklungshilfe“ erläutert Spiegel Online das Handelskolonie-Konzept des US-Ökonomen Paul Romer: US-Ökonom empfiehlt Deutschland als Kolonialmacht. Spiegel Online 25.01.2010

Paul Romers Konzept verfolgt die Errichtung „von Städten in Armutsstaaten durch westliche Großmächte („Charter Cities“). In den Städten soll die Gesetzgebung der Großmächte gelten; westliche Unternehmen sollen dort unter deren Schutz tätig sein, wobei sie von den Niedriglöhnen in den umliegenden Gebieten profitieren. (…) Dem US-Ökonomen zufolge sei die Bundesrepublik wegen ihrer weithin vergessenen kolonialen Vergangenheit die ideale Macht zum Errichten neuer Kolonialstädte.Neue Kolonien. german-foreign-policy.com 1.2.2010

  1. Der „Informationen zur Deutschen Außenpolitik“ (german-foreign-policy.com), bestehend aus einer Gruppe von unabhängigen Journalisten und Wissenschaftlern, die das Wiedererstarken deutscher Großmachtbestrebungen auf wirtschaftlichem, politischem und militärischem Gebiet kontinuierlich beobachtet. [zurück]
  2. Vgl. Naomi Klein „No Logo!“ [zurück]
  3. Michael Jäger: Von Haiti nach Afghanistan. freitag.de 28.01.2010 [zurück]
  4. Lutz Herden: Protektorat Haiti. freitag.de 19.01.2010 [zurück]

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