Kolumne: Götz Alys neue Leidenschaften

(W.B.) Was ist in diesem Land alles eine „Schande“? Woran erinnert man sich in diesem Land, wenn es im Zusammenhang mit diesem Wort um die Geschichte geht? „Rassenschande“, das ist das Wort, das bei mir anklingelt. Der Historiker Götz Aly gebraucht jüngst das Wort „Schande“. Ein so renommierter Historiker wird sich mit diesem Wort sicher auskennen, mögen sich die Verantwortlichen der Berliner Zeitung gedacht haben, als sie eine Kolumne des NS-Forschers abdruckten. Gab es einen Anlass, von „Schande“ zu sprechen? Der Anlass für den Historiker von „Schande“ zu sprechen ist die Schwarze Deutsche Historikerin und international bekannte Lyrikerin May Ayim. In Berlin wir in diesem Monat ein Ufer an der Spree nach ihr benannt. Erinnert wird damit an die Verbrechen in Deutschlands erster Kolonie. „Straßenschänder in Kreuzberg“ titelt dazu die BZ-Kolumne von Götz Aly. Sein Thema wäre der Sache nach, das Verbrechen an 30.000 Menschen in Deutschlands erster Kolonie gewesen. Nach der Lektüre bekommt das Wort „Schande“ für nicht blonde und nicht blauäugige Deutsche einen zusätzlichen Klang. (Siehe Reaktionen, Offener Brief von Susan Arndt hier)
Was mag in der Redaktion der Berliner Zeitung gefahren sein, eine solch katastrophale Selbstdemontierung – wie sie der so wichtige Historiker in der letzten Zeit nun wieder und wieder vollbringt („wie die Russen“, siehe sein Wissen über schwäbische Dörfer weiter unten) – nicht einfach zu stoppen. Liest man nicht den eingereichten Text? Ist ihnen der Name wichtiger als der Inhalt? Oder passt das wirklich in einem neuen Trend des willfähigen und kapriolenhaften Umgangs mit der Erinnerung an von Europa und eben von Deutschland verursachten Leiden in der Geschichte? Götz Aly hätte für seine Kolumne einen Burkhard verdient, aber keinen Platz in der Zeitung. So muss auch hier darauf eingegangen werden.

Die neue deutsche Sehnsucht nach kolonialer Macht und Götz Alys Irren durch die Leiden anderer

Besonders nach der Katastrophe in Haiti finden sich neue und unbefangenere Töne, die den Kolonialismus wieder aufleben lassen wollen. Diese Stimmen kommen nicht nur aus konservativen Zeitungen. So betrachtet, verwundert es dann doch nicht, dass jetzt auch in der Berliner Zeitung gegen das Erinnern an die Leiden des Kolonialismus und der Versklavung – durch die Straßenumbenennung des Gröbenufer in May-Ayim-Ufer – Stimmung gemacht wird.

May Ayim (1960-1996) war eine deut­sche Dich­te­rin, Päd­ago­gin und Ak­ti­vis­tin der afro­deut­schen Be­we­gung. Ab 1984 lebte sie in Ber­lin, wo sie eine Aus­bil­dung als Lo­go­pä­din mach­te und als Lehr­be­auf­trag­te an meh­re­ren Hoch­schu­len ar­bei­te­te. Sie gilt als eine der Pio­nie­rin­nen der kri­ti­schen Weiß­seins­for­schung in Deutsch­land. Ihr Name wird in Berlin demnächst den eines von den deutschen Kolonialbegeisterten gefeierten Helden ersetzten. Göben, genauer Goeben ist sein Name, über den außer geschichtskritische Experten der Kolonialgeschichte kaum ein weißer Historiker etwas zu sagen wusste. So wie die Verbrechen des Kolonialismus in Deutschland völlig verdrängt wurden und allein die rassistische Sprache und ihre Exotik in der deutschen Sprache weiter lebte, so ist es auch dem alten Kolonialhelden geschehen. Sein Name schmückte das Ufer, die mit seinen Verbrechen verbundenen Ideologien bestimmen bis heute den alltäglichen Rassismus dieser deutschen Gesellschaft.

Anfang des Jahres war es Martin Otto in der FAZ1, der May Ayim als Person und eigentlich die Thematisierung des Kolonialismus in Berlin despektierlich abzukanzeln bemüht war – „nette Schriftstellerin“, „Lobbygruppe“ … und in einer Abfahrtskombination heißt es unvermittelt: „Sich selbst bezeichnete Frau Ayim, so der Titel eines anderen Buches, als „grenzenlos und unverschämt“. An multipler Sklerose erkrankt, setzte sie ihrem Leben 1996 selbst ein Ende.“ Ist das Gedankenlos? Unwissend? Mag sein.

Götz Aly benutzt das Leiden, um es gegen das Leiden anderer auszuspielen.
Am 2. Februar legte nun Götz Aly in der Berliner Zeitung2 nach und demonstriert, wie grenzenlos weiße Kolonialvergessenheit noch heute sprechen kann. Nicht in den deutschen Verursachern des Leidens, das Tausenden Menschen durch die Versklavung zugefügt wurde, macht Götz Aly die Schande aus, sondern in dem Erinnern an dieses Leiden durch die Umbenennung einer Straße, mit der an diese Leiden erinnert werden soll. Ob böswillig, durchdacht oder einfach ideologisch verblendet, die Absurdität seiner BZ-Kolumne spricht jedem intellektuell redlichen Menschen Hohn.
Für Aly ist historisch klar, was hier wem „weichen“ muss: Denn was ist eine für weiße Deutsche unbekannte Schwarze Deutsche, gegen ein koloniales Mannsbild? Niemand sprach von „richtiger“ Erinnerung. Nur Götz Aly tut es mit voller Überzeugung. Für ihn ist klar, nicht an die Leiden der Opfer soll erinnert werden, sondern an die Heldentaten der Täter, die ihrem Helden mit der alten Straßenbenennung ein Denkmal setzten. Dagegen fehle es denen, die sich für die Erinnerung an dieser Leiden einsetzen, an „Demut“. „Demut“ vor was? Vor der deutschen Kolonialgeschichte?
Drastisch heißt der Titel: „Straßenschänder in Kreuzberg“. Was dann Götz Aly treibt, das hätten selbst gestandenere Antikommunisten wie Gerhard Löwenthal empfindsamer und geschichtsbewusster formuliert. Selbst Gerhard Löwenthal konnte mich nie zum Stalinisten machen. Und im Gegensatz zu Götz Aly, so wie er sich in seiner BZ-Kolumne präsentiert, mag ich – rein subjektiv – Gerhard Löwenthal noch unterstellen, dass er sich tatsächlich dafür interessiert, welches Leid Menschen zugefügt wurde. Götz Aly aber benutzt das Leiden, um es gegen das Leiden anderer auszuspielen. „Ältere Westberliner erinnert die kurze Straße an entsetzliche Tragödien. Zu Mauerzeiten gehörte die Spree hier in voller Breite zu Ostberlin; vier Kinder mussten ertrinken, weil DDR-Grenzer westlichen Helfern den Zutritt verweigerten und selbst nichts zur Rettung der Ertrinkenden unternahmen.“ – Ja, wir erinnern uns Herr Aly. Aber an die Versklavung von 30.000 Menschen in fast ebenso langer Zeit wie die Mauer stand, daran zu erinnern ist eine „Schande“? Dem fehlt die „Demut“? Der „instrumentalisiert“? Wer „instrumentalisiert“ hier eigentlich wen? Götz Alys durch die Vergangenheit irrenden Gedanken in seiner Kolumne kann ich nur so nachvollziehen: Weil es eine „Schande“ sei, an die Qualen des Sklavenhandels zu erinnern, muss der Berliner auch heute jene, deren Stimme die weißen Deutschen weder in der DDR noch in der BRD hören wollten, zum Schweigen bringen. Und dazu bietet sich für ihm nichts besseres, als diese Stimmen mit eines der größten Verbrechen dieses Landes in Verbindung zu bringen. Mit dem Stalinismus. „Die Altstalinisten haben also Gründe, den Namen Gröben aus dem Straßenverzeichnis verschwinden zu lassen“, so Aly. Mit den „Russen“ hatte er es schon im September 2009. Konfrontiert mit der Forderung Schwarzer Deutscher nach einer würdevollen Darstellung des Leidens, das ein von Deutschland entfesselter Krieg verursacht hat, platzte es aus ihm heraus: es könnte „jedes Dorf in Südwestdeutschland von Vergewaltigungen durch schwarze Soldaten“ berichten, die „nicht anders als die Russen“ gewesen sein3.
Nochmals zur Erinnerung liebe BZ-Redaktion: Die in Götz Alys Gedächtnis etwas andere, ja weniger werte Schwarze Deutsche Frau May Ayim hat nichts mit Herrn Hitler oder Herrn Stalin gemeinsam. Bei dem Objekt der Begierde ihres Kolumnisten mag es schon anders aussehen. In Alys Worten: „Wer war Otto Friedrich von der Gröben? Söldner, Abenteurer und Forschungsreisender, der mal in polnischen, mal in venezianischen, mal in brandenburgischen Diensten Afrika bereiste.“ – Ein Reisender. Und doch ein Denkmal für diesen Mann, aufgestellt von Verbrechern, das nun durch eine Schwarze Deutsche „geschändet“ wird?

Reaktionen:
Stimmen zu dem Hetzartikel von Götz Aly gegen das May-Ayim-Ufer, stellt die Redaktion des braunen mob e.v. zusammen. Das Blog des braune mobs ist mittlerweile zur der wichtigsten Anlaufstelle für medienkritische Leser_innen geworden, die sich gegen rassistische Inhalte in den Medien wehren.

Ich möcht daraus Noah Sow zitieren:

(…) Dagegen zu sein, dass eine friedliche und wichtige Dichterin, die für ihre Zivilcourage berühmt war, einem Verbrecher, Mörder, Rassisten und Antidemokraten vorgezogen wird, das schafft man wohl nur mit einer gewissen Grundeinstellung. Egal ob Aly sich wichtig machen, sich bei rechtsaußen einschleimen oder Stimmung gegen Schwarze deutsche Kutur machen wollte – sein polemischer Textfransen ist dermaßen durchsichtig undemokratisch, dass eine Zeitung sich den Vorwurf der Hetze auch machen lassen muss, wenn sie ihn als “Kommentar” abdruckt. Liebe Berliner Zeitung, man muss nicht jeden gefährlichen Schwachsinn bringen, nur um sich wichtig zu machen. Medien haben auch Verantwortung, und zwar unabhängig davon, ob sie dies wahrhaben wollen.

Siehe auch in diesem Blog:
Susan Arndt zu Götz Alys Reaktion auf das May Ayim Ufer

  1. Straßennamen in Berlin. Entkolonisierung der Lebenswelt. Von Martin Otto. FAZ 08. Januar 2010 [zurück]
  2. Straßenschänder in Kreuzberg. Von Götz Aly. Berliner Zeitung, 2. Februar 2010 [zurück]
  3. Kolonialismus-Debatte: Götz Aly platzt im Faschismus-Streit der Kragen. Welt 4. September 2009 [zurück]


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1 Antwort auf „Kolumne: Götz Alys neue Leidenschaften“


  1. Gravatar Icon 1 pixel utopia 05. Februar 2010 um 1:19 Uhr

    Das ist wirklich unglaublich abstoßend. Mir fehlen die Worte.

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