Schwarzer Anarchismus in den USA

Mit Black Autonomy gegen die Lenins, Maos, Uncle Sams und Uncle Toms

Buchbesprechung, graswurzelrevolution februar 2010/346

greg jackson
Greg Jackson: Tötet den Bullen in eurem Kopf! Zur US-amerikanischen Linken, White Supremacy und Black Autonomy, Unrast, Münster 2009, 88 S., 7,80 Euro | Übersetzt und herausgegeben von Gabriel Kuhn

Nachdem Gabriel Kuhn 2008 mit seinem Buch ‚Neuer Anarchismus’ in den USA. Seattle und die Folgen einen Sammelband herausgegeben hat, der nicht nur in anarchistischen Kreisen sehr positive Resonanz erhalten hatte, bringt er nun mit der Herausgabe von Schriften des afroamerikanischen Anarchisten Greg Jackson – einem der einflussreichsten Theoretiker eines Schwarzen Anarchismus in den USA – diese Sparte des US-Anarchismus deutschsprachigen LeserInnen näher.
Was sind die Spezifika eines Anarchismus von AfroamerikanerInnen bzw. People of Color (subsumiert alle, die als ‚nichtweiß’ definiert werden)? Jackson argumentiert, dass People of Color nicht nur als Klasse, sondern auch als „Rasse“ (Race) diskriminiert seien, was die Unterdrückung noch zusätzlich verschärfte. Schwarzer Anarchismus fährt sozusagen zweigleisig: Er bezieht sich zum Einen auf die Tradition und die Theorie des Anarchismus, zum Anderen jedoch auch auf den Schwarzen Nationalismus, auf die Black Power- Bewegung, konkret auf die Black Panther Party, Malcolm X, das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und die League of Revolutionary Black Workers. Aus beiden Strömungen hat man sich das, was als positiv erachtet wird, herausgenommen und miteinander vereint – man bezieht sich also nicht kritiklos darauf. Dabei wurden die TheoretikerInnen des Schwarzen Anarchismus teilweise von den „PuristInnen“ beider Lagern angefeindet, „hauptsächlich von denjenigen, die eine der beiden Haupteinflüsse dieser [neuen autonomen schwarzen] Politik – den Anarchismus und den Schwarzen Nationalismus – ‚rein’ halten wollen.“ (S.18)
Der erste Text, der vom Black Autonomy Collective (Black Autonomy hieß die wichtigste anarchistische Zeitschrift für Schwarze AutonomistInnen/ AnarchistInnen) verfasst wurde, skizziert sehr gut die theoretischen Grundlagen des Schwarzen Anarchismus. Besonders spannend sind hier die Überlegungen zur Black Power- Bewegung. Mit dem SNCC z.B. teile man die Überzeugung, „dass es nicht die Aufgabe von AktivistInnen ist, Menschen zu führen, sondern sie dabei zu unterstützen, die Leitung ihrer lokalen Kämpfe selbst in die Hände zu nehmen.“ (S. 25) Bei den Black Panthers steht man zwar den „avantgardistischen und autoritären politischen Tendenzen“ kritisch gegenüber, man habe jedoch „philosophisch viel mit der Bewegung gemeinsam“ (S. 25), was sich u.a. darin bemerkbar macht, dass z.B. das Konzept der bewaffneten Selbstverteidigung direkt von den Panthers übernommen wurde.
Der ausführlichste Text im Buch namens Autoritäre Linke: Tötet den Bullen in eurem Kopf! ist eine gnadenlose (und teilweise polemische) Abrechnung mit der weißen und autoritären Linken, womit primär die verschiedenen marxistisch-leninistischen oder maoistischen Gruppierungen gemeint sind. Beim Lesen dieses Textes spürt man die blanke Wut und die Frustration, die afroamerikanische AnarchistInnen verspüren im Umgang mit den „marxistischen MissionarInnen“, die schwarze Viertel „frequentieren, um das Evangelium von Marx, Lenin oder Mao zu predigen.“ (S. 43) Problemen des Rassismus auch aus der grausamen Geschichte der Sklaverei und des Massenmordes an den People of Color in den USA ab, wobei man sich klar vom Essentialismus z.B. der Nation of Islam distanziert. Der Ton in dem Text ist stellenweise sehr martialisch, z.B. müssten Polizei und Faschisten „gnadenlos zerstört werden“, denn in einer „friedlichen Demonstration herumzustehen“ widerspräche wirklicher antirassistischer Aktivität. (S. 50)
Ein latenter Rassismus ist laut Jackson immer noch in der Linken – nicht zu sprechen von Amerika allgemein, das stets in Anlehnung an den Ku-Klux- Klan „AmeriKKKa“ geschrieben wird – zu finden, die sich „standhaft weigert“ sich mit ihren eigenen „rassistischen und reaktionären Tendenzen auseinanderzusetzen.“ (S. 54) Den Spaltungsvorwurf, der Jackson aufgrund solcher Argumentationen immer wieder gemacht wird, weist er von sich und spielt den Ball zurück, dass nämlich die Defizite eher bei Anschließend ist ein Interview mit Greg Jackson zu lesen, das anlässlich der Anarchist People of Color-Konferenz 2003 in Detroit geführt wurde. Im Anhang findet man eine programmatische Schrift der Federation of Black Community Partisans, die ein Black Panther ähnliches – wenn auch klar antiautoritäres und anarchistisches – 10-Punkte-Programm formuliert haben.
Das Buch ist in mehrfacher Hinsicht zu empfehlen: a) es ist ein wichtiger Beitrag zum Stand der anarchistischen Bewegung weltweit; b) ist es für alle zu empfehlen, die sich für das weitreichende Thema Black Power und Bürgerrechtsbewegung interessieren und c) kann es an alle als Ergänzung empfohlen werden, die bereits Kuhns Buch ‚Neuer Anarchismus’ in den USA mit Interesse gelesen haben und einen weiterführenden Einblick in die (manchmal nicht unkomplizierte) Welt der US-amerikanischen Linken wünschen.

Sebastian Kalicha in GWR, Februar 2010/346

Und noch eine aktuelle Rezension zu diesem Buch:
„Das Buch liefert trotz seiner Kürze einen guten Einblick in die aktuellen und historischen Debatten nicht-weißer Anarchisten in Nord-Amerika.“
Siehe auch die Rezension von Gerald Whittle, stattweb, Februar 2010

Siehe auch in diesem Blog
:
Unrast-Autor wird Einreise in die USA verweigert

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