Ja bestimmt. Wer über Ungerechtigkeiten aufklären will und sich gegen herrschende und machtvolle Missstände wehren möchte, dem schlägt so viel Ideologie, Lügen und eine Borniertheit der Mächtigen entgegen, dass gerade die Provokation sich als ein Mittel anbietet, die Geister zu irritieren und die Mächtigen in Verlegenheit zu bringen.
Provokation hat etwas Anziehendes und die autoritären Gesten – sei es die der Eltern, der Lehrer, der Pfaffen, der Polizisten, der Chefs, der Politiker … – fordern sie heraus.
Aber auch Faschisten, Rassisten, Antisemiten und Sexisten lieben die Provokation. Eines ihrer liebsten Spielzeuge ist – wie bei vielen Arten der Provokation – das Umdrehen der Begriffe und Reden ihrer Gegner. So werden in der Rhetorik der Rechten aus ihren Kritiker_innen „Gutmenschen“ und aus deren moralischen Ablehnung von Gewalt, Verachtung und Erniedrigung durch Rassismus, Antisemitismus, Sexismus „Meinungsterror“, „Moralkeulen“, „Auschwitzkeulen“ oder schlicht „Zensur“. Gefordert wird der Kampf gegen die „Politische Korrektheit“ und für die „Meinungsfreiheit“. Das sind sehr durchschaubare und lächerliche Manöver.
Aber Rassismus, Antisemitismus und Sexismus sind nicht nur die Domäne von Neonazis, sondern finden sich in subtiler und auch offener Form in der breiten Gesellschaft alltäglich wieder. Wer kritisch über sich selbst nachdenkt, findet auch bei sich immer wieder Widersprüche zu seinen politischen Ansprüchen und muss sich mit eben diesen Themen auch in der eigenen Biographie und im eigenen Alltag auseinandersetzen. Und genau hier wird es aus meiner Sicht wirklich politisch. Natürlich sind unsere politischen Ansprüche korrekt, aber die Strukturen, gegen die wir ankämpfen, begegnen auch uns, sonst wären sie nicht so mächtig und wären vielfach längst aus der Welt geschafft.
Daran, wie mit eigenen Widersprüchen umgegangen wird, zeigt sich auch, wie sympathisch oder unsympathisch wie ernst oder unernst wir Provokationen beurteilen. Wer sich nicht mit der Struktur der Missstände und eben auch mit sich nicht auseinandersetzt, dem können und müssen irgendwann die eigenen Provokationen sehr leicht auf die Füße fallen. Die ganze gut gemeinte Sache kann sehr unappetitlich für alle Beteiligten werden.
Nichts reizt mehr zur Provokation, als die „ganz heißen Eisen“. Mit ihnen zu provozieren und gar zu jonglieren, das ist ober cool.
Damit es mit der Coolheit auch klappt, muss man verschiedene Risiken eingehen.
1. Mit dem Eisen, das ich anpacke, muss ich mich moralisch in einem absolut stimmigen Recht wähnen.
2. Weil ich provozieren möchte, muss ich es mit allen Mitteln vermeiden, über Widersprüche und über meine Person reden zu müssen. Im anonymen Internet ist das besonders leicht.
Das reicht mir schon. Mir ist das zu anstrengend, auch wenn die Versuchung in Situationen, die mich besonders wütend machen, leicht zu solchen Posen provozieren.
Coolheit durch Provokation bei moralisch wichtigen Fragen kann einen sehr hohen Preis haben. Zum Beispiel, die eigenen Widersprüche auf andere zu projezieren, sie bei sich selbst zu verdrängen oder einfach die bequeme Situation auszukosten, sich gegenüber anderen überlegen zu fühlen. Die Gründe für ober coole Provokationen mit sehr komplexen Themen sind häufig die eigene Abwehr und das eigene Verdrängen von Fragen und Problemen. Bei den Rechten sind diese Bedürfnisse ganz offensichtlich, wenn sie von Gutmenschen und Meinungsfreiheit schwadronieren. Unter vermeintlich kritischen Menschen ist das schon etwas anders und kann sehr unangenehm für alle Beteiligten werden.
Für mich habe ich daraus einige Konsequenzen gezogen. Es gibt Themen, mit denen möchte ich als Deutscher auf keinen Fall cool dastehen. Das sind die Themen:
Israel, Auschwitz, Antisemitismus.
kritische masse
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