Fortsetzung des Beitrags von Ulrich Enderwitz Dem Zins gezinstes Lob – Über den schwierigen Umgang mit faschistischem „Gedankengut“
Die Welt erscheint in actu jener faschistischen Hypostasierung quasi angehalten und stillgestellt, weil das ganze intellektuelle Bemühen darum kreist, jener durch den Massenmord an den Juden substantiierten Hypostase die gleiche geschichtsphilosophische Relevanz und gesellschaftstheoretische Bedeutung zuzuerkennen, die ihr der Faschismus attestiert, nur dass jetzt aus einem vernichtenswerten Negativum ein erhaltenswertes Positivum geworden ist. Sowenig Scheit den Massenmord an den Juden als die der Pathologie einer kapitalistisch verfassten Gesellschaft entspringende „Ersatzhandlung“, die sie ist, das heißt, jenen Mord in seiner ganzen symptomatischen Kontingenz und Sinnlosigkeit akzeptieren kann, sowenig kommt er über jene Hypostase als janusköpfiges und nämlich ebenso sehr von ihm zum Erhalter verklärtes wie vom Faschismus zum Zerstörer dämonisiertes Wahrzeichen der bürgerlichen Gesellschaft hinweg. Dass der Weltlauf, der historische Prozess keineswegs zum Stillstand gekommen, sondern längst über den Faschismus in seiner nationalsozialistischen Ausprägung und über dessen „kapitalkritischen“ Popanz hinweggegangen, mit anderen Worten, zur Tagesordnung eines Kapitalprozesses zurückgekehrt ist, in dem jener Popanz, der Zins, nichts weiter als ein Funktionsmoment eines in schlechter Unendlichkeit dem Akkumulations- und Wachstumswahn verfallenen und sich und seine soziale beziehungsweise naturale Grundlage zielstrebig zugrunde richtenden kapitalistischen Reproduktionssystems darstellt, nimmt Scheit nicht zur Kenntnis, und es interessiert ihn auch nicht.
Scheit interessiert nur die stillgestellte, um den faschistischen Popanz, den er zum liberalistischen Demiurgen verklärt, kreisende Welt der nationalsozialistischen Ära, hinter beziehungsweise in der alles weitere historische Geschehen, der nicht aufzuhaltende empirische Prozess verschwindet. Oder vielmehr nicht verschwindet! Verschwände die vom unaufhaltsamen Weltlauf prozessierte Empirie schlicht und einfach, würde zwar Scheits Realitätswahrnehmung und Erkenntnisfähigkeit Schaden nehmen, aber damit hätte es auch schon sein Bewenden. Die kraft Weltlauf veränderte Empirie ist indes da und ist nicht zu übersehen, und deshalb genügt es nicht, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern sie muss so interpretiert und revidiert werden, dass sie sich in den Rahmen der stillgestellten, um den Popanz faschistischer Kapitalkritik kreisenden Konstellation fügt. So gewiss der faschistische Popanz, wenn auch in den liberalistischen Demiurgen transfiguriert, unverbrüchlich die Stellung hält, so gewiss muss auch der Faschismus selbst als im Rahmen der manichäischen Konstellation bedrohlich mächtiger Gegenspieler das Feld behaupten. Und so gewiss der Popanz eine durch Blut besiegelte und dadurch aus einer symbolischen Repräsentanz in eine substanzielle Interdependenz überführte Affinität zu den Juden beweist, so gewiss muss auch jene unverändert das Feld behauptende und die liberalistisch-bürgerliche Gesellschaft bedrohende faschistisch-terroristische Gegenmacht unverändert vom Antisemitismus als einer Wesens- und Kernbestimmung ihres Daseins durchdrungen sein.
Rückt die Empirie diese für einen Weltlauf, der zur kosmischen Konstellation erstarrt ist, maßgebenden Komponenten nicht freiwillig heraus, so müssen sie ihr mit interpretativer Entschiedenheit beziehungsweise revisionistischer Willkür entrissen werden. Ohne Rücksicht auf ökonomische und gesellschafts- oder geopolitische Plausibilität werden Gruppen, Regionen oder ganze Staaten in den Dienst an jener kosmischen Konstellation gepresst und als latent oder manifest perennierende Inkarnationen des faschistisch-bündischen Gegenspielers der liberalistisch-bürgerlichen Gesellschaft ausgemacht. Und ohne Rücksicht auf seine historische Stellung, seine politisch-soziale Verfassung und den geopolitischen Zusammenhang, in dem er steht, wird der Staat Israel als Fluchtburg der vom unverändert faschistischen Gegenspieler unverändert verfolgten Juden identifiziert, einer Fluchtburg, die im Rahmen jener kosmischen Konstellation als konsubstanzielles Pendant zur Hochburg der bürgerlichen Gesellschaft, zur Freiheit und Universalität verkörpernden demiurgischen Zinsmacht, zum als Garant eines bürgerlichen Lebens, das sich den Schrecken roher personaler Gewalt und nackten sozialen Zwangs zu entziehen vermag, firmierenden Bankenwesen erscheint und die in dieser Beziehung einer Sichtweise entspringt, die sich mit der obigen Formulierung als „negativer Antisemitismus“ charakterisieren lässt.
Nicht, dass von den Gruppen, die in dieser Konstruktion den unverändert faschistischen Gegenspieler geben müssen, keine realen Gefahren ausgehen (so sehr eine imperialistische Strategie und kulturkämpferische Propaganda diese Gefahren auch instrumentalisieren und übertreiben beziehungsweise verfälschen mag)! Und nicht, dass der Staat Israel nicht wirklich durch das Umfeld, in dem er steht, ernsthaft bedroht ist (so sehr Israel selbst aus religiös inspiriertem Chauvinismus oder Mangel an staatsmännischem Mut durch seine Siedlungs- und Präventionspolitik dazu beitragen mag, dass sich an der Bedrohungssituation nichts ändert)! Und auch nicht, dass es keinen Antisemitismus mehr in der Welt gibt beziehungsweise dass er als altbewährter Konfliktverschiebungsmechanismus nicht nach wie vor fatale Aktualität beweisen kann! Das Problem ist nur, dass alle Beteiligten, alle, von denen durchaus reale Bedrohungen ausgehen beziehungsweise die durchaus realen Gefährdungen ausgesetzt sind, durch ihre Vereinnahmung für jene Geschichte stillstellende und als faschistischen Urtypus dingfest machende Konstellation Rollen übernehmen und in Kostüme schlüpfen müssen, die ihnen partout nicht auf den Leib geschneidert sind und die es schwer oder unmöglich machen, die dahinter verschwindende Empirie, jene realen Bedrohungen und Gefährdungen noch als solche wahrzunehmen, geschweige denn, in ihrer historischen Kausalität und spezifischen Aktualität zu erkennen.
Zu einer vernünftigen Gegenwartsanalyse, einer den neuen politischen Machtverhältnissen und ökonomischen Krisenpotenzialen in der Welt, ihren faschistischen Rezepten und rassistischen Tendenzen Rechnung tragenden Zustandsbeschreibung taugt Scheits Fixierung auf den nationalsozialistischen Augenblick als auf einen den Weltlauf zum Stillstand bringenden und zur manichäischen Konstellation verzaubernden satanischen Kairos mit Sicherheit nicht. Höchstens und nur taugt sie dazu, den ebenso bequemen wie korrupten Status quo unserer Industriegesellschaften gesund zu beten, die mit den vereinten Kräften eines nach außen betriebenen Wirtschaftsimperialismus und einer im Innern geschürten Konsumwut die große Krise ebenso gewiss vor sich auftürmen und heraufbeschwören wie vor sich herschieben und zu bannen suchen.
Bücher von Ulrich Enderwitz bei Unrast:

Ulrich Enderwitz
Herrschaft, Wert, Markt.
Zur Genese des kommerziellen Systems
ISBN 3-89771-454-X

Ulrich Enderwitz
Was ist Ideologie?
Zur Ökonomie bürgerlichen Denkens
ISBN 3-89771-442-6

Ulrich Enderwitz
Konsum, Terror und Gesellschaftskritik
Eine Tour d’horizon
ISBN 3-89771-437-X
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