Für eine Geschichte der Überlebenden

Rezension von Bernhard Jensen zu Enzo Traversos Gebrauchsanweisungen für die Vergangenheit.

Erschienen in: Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau 56 (2008), S. 117 – 119.

gebrauchsanweisungen für die vergangenheit - enzo traverso
Enzo Traverso: Gebrauchsanweisungen für die Vergangenheit. Geschichte, Erinnerung, Politik. Aus dem Franz. von Elfriede Müller. Hrsg. von der jour fixe initiative berlin. Münster: Unrast, 2007. 107 S. Broschur. 14,80 €. ISBN 978-3-89771-470-0

Je öfter uns die Vergangenheit begegnet, um so weiter entfernt sie sich von uns. Dokumentarfilme kommen kaum noch ohne Spielszenen aus, Ausstellungen werden an ihrer Erlebnisqualität gemessen, Gedenkstätten werden zu Zielen des „Erinnerungstourismus“. Vor die Vergangenheit schiebt sich ein Bildgedächtnis, das populäre Sehgewohnheiten bedient und zur Ressource einer Erinnerungsindustrie wird, der sich niemand entziehen kann.

„Woher kommt diese Erinnerungsbesessenheit?“ (8) Mit dieser Frage beginnt Enzo Traverso seinen Streifzug durch die erinnerungspolitischen Debatten der Gegenwart und ihren theoretischen Kontexten. Dabei geht es nicht um eine Polemik gegen Missbrauch oder Instrumentalisierung, sondern um die Differenzierung verschiedener Formen der Erinnerung, die aus einer universalistischen Konstante menschlicher Gesellschaften resultieren. „Die Grundstrukturen der kollektiven Erinnerung liegen im Gedenken an die Toten.“ (10) Mit der Krise religiöser Traditionen und sozialer Hierarchien in der Moderne hat sich die kollektive Erinnerung zu einer Alltagsreligion demokratisiert, in der die Shoah zur Metapher für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 20. Jahrhundert geworden ist.

In diesem Kontext rückt eine Figur ins Zentrum des historischen Interesses, die lange Zeit sowohl in der Geschichtsschreibung als auch im offiziellen Gedenken übergangen worden ist. Es ist die Figur des Zeitzeugen, des Überlebenden der Vernichtung, der einerseits den Einspruch der subjektiven Erinnerung gegen eine positivistische Geschichtsschreibung verkörpert, andererseits jedoch dazu verurteilt ist, die Bedürfnisse einer kollektiven Erinnerung zu befriedigen, die ihn immer schon als Opfer identifiziert. Dass die kollektive Erinnerung der Gegenwart die Überlebenden zu Ikonen einer Alltagsreligion sakralisiert und damit der Geschichte enthebt, ist für Traverso der Ausgangspunkt, die Erinnerung der Überlebenden für eine andere Geschichtsschreibung zu retten.

Die Sakralisierung der Überlebenden zu Opfern resultiert aus einer grundlegenden Verwechslung, die Traverso an der Diskussion um die Einzigartigkeit der Shoah demonstriert. Als die Erinnerung der jüdischen Überlebenden nach einer langen Phase der Verdrängung endlich in der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wurde, hat die kollektive Erinnerung und zum Teil auch die Geschichtswissenschaft von der Einzigartigkeit der individuellen Erinnerungen auf die Einzigartigkeit des historischen Ereignisses geschlossen. Man könnte von einer notwendigen Illusion der Erinnerung sprechen, die einer permanenten Aufklärung bedarf. „Auch wenn die Erinnerung absolut einzigartig sein kann, so ist die Einzigartigkeit der Geschichte immer relativ.“ (19) Es geht nun nicht darum, die Erinnerungen der Überlebenden aus dem historischen Diskurs auszuschließen und den Sonntagsrednern und Talkshows zu überlassen. Die Einzigartigkeit der Erinnerung muss sich vielmehr in die Lücken der offiziellen Geschichtsschreibung einschreiben können, um Teil des kollektiven Gedächtnisses zu werden. Erinnerungen ohne Geschichte sind blind, Geschichte ohne Erinnerung ist leer.

Mit Marx und Benjamin geht Traverso davon aus, dass die Geschichte eine Geschichte von Antagonismen ist, die eine unendliche Kette von vergangenen Kämpfen und aktuellen Erinnerungen bilden. In dieser Perspektive sind die Überlebenden nicht Opfer, sondern Besiegte. Ein eindrucksvolles Modell, wie sich die Besiegten in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erkämpft haben, findet Traverso in der Bewegung der Mütter der Verschwundenen in Argentinien, wo er auch eine erste Fassung seines vorliegenden Essays bei einem Kolloquium der Comision Provincial por la Memoria vorgestellt hat, die die Archive der Militärdiktatur verwaltet. Konfrontiert mit der Unmöglichkeit der Trauer, da sie ihre Toten nie begraben konnten, haben die Madres mit ihren regelmäßigen Demonstrationen, der Veröffentlichung der Fotos der Verschwundenen, den „Belästigungen“ der Autoritäten und öffentlichen Beschuldigungen eine Praxis der Wiedererinnerung gefunden, die „in der Gegenwart verankert“ ist, indem sie sich mit den Kämpfen der arbeitslosen Piqueteros um „menschliche Würde“ (35) solidarisieren. Doch obwohl sie ihre Erinnerung ins kollektive Gedächtnis einschreiben konnten, haben sie noch lange keinen Eingang in eine politische Geschichte gefunden, die mit der Militärdiktatur gebrochen hätte (45).

Damit stellt sich die Frage, ob es für die einzigartigen Erinnerungen der Überlebenden Grenzen gibt, sich in die aus historischen Dokumenten und kollektivem Gedächtnis gebildeten Geschichte einzuschreiben. Adorno, Lyotard und Agamben haben Auschwitz als Modell der abendländischen Zivilisation begriffen und zugleich darauf insistiert, dass das Grauen der Lager undarstellbar sei und es darauf ankomme, diese Undarstellbarkeit darzustellen, um dem Zeugnis der Überlebenden gerecht zu werden. Für Traverso führt dies jedoch zu einer Auflösung der historischen Tatsachen in linguistische Konstruktionen und erhabenes Schweigen. Sein Ideal historischer Wahrheit und Gerechtigkeit orientiert sich an den Gerichtsprozessen gegen die Täter, in denen Historiker und Überlebende gleichberechtigt als Zeugen auftreten können. „Die Verkettung von Geschichte, Erinnerung und Justiz ist das Zentrum des öffentlichen Lebens.“ (69) Dieses Vertrauen auf Justiz und Öffentlichkeit überrascht denn doch bei einem Autor, der die politischen Konjunkturen der Erinnerung in verschiedenen Ländern ausführlich darstellt. Sicher, auch die Überlebenden fordern Prozesse gegen die Täter und die durch diese Prozesse hergestellte Öffentlichkeit kann dazu beitragen, die Vergangenheit aufzuarbeiten und Traumata zu überwinden. Traverso zitiert in diesem Zusammenhang Amérys Rede von einer „Moralisierung der Geschichte“. Doch haben etwa die Frankfurter Auschwitz-Prozesse die „deutsche Revolution (…) nachgeholt und Hitler zurückgenommen“ (Améry)? Haben sie am Ende vielleicht nur einem Rechtsfrieden gedient, um historische Verantwortung in nationales Selbstbewusstsein zu verwandeln? Und war es nicht erst der Antifaschismus der Studentenbewegung, der gesellschaftspolitische Konsequenzen aus der nationalsozialistischen Vergangenheit zog?

Jede Generation wird ihre Erinnerung neu aushandeln müssen. Traverso verweist immer wieder auf die Widersprüche, die hinter den erinnerungspolitischen Konzepten stehen und Anknüpfungspunkte für soziale Bewegungen und historische Forschungen bieten. Einerseits hat die These der Singularität der Shoah der jüdischen Erinnerung einen Ort im kollektiven Gedächtnis gegeben, andererseits hat sie nach dem Ende des Kommunismus zum Verschwinden eines Faschismusbegriffs beigetragen, der die politischen Voraussetzungen des Nationalsozialismus und nicht zuletzt die Perspektive der Überlebenden artikuliert: „Schließlich war der Faschismus, bevor er zu einer analytischen Kategorie wurde, eine Gefahr, gegen die man kämpfen musste, und war der Antifaschismus, bevor er zur Staatsideologie wurde, ein Ethos des demokratischen Europas und auch der deutschen Kultur im Exil.“ (94) Traverso bietet keine Lösungen für die Widersprüche der Erinnerung, sondern gibt Gebrauchsanweisungen, wie sich diese Widersprüche zu einer Geschichte der Überlebenden entfalten lassen, deren Vergangenheit uns noch bevorsteht.

via Bernhard Jensen

Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau (SLR)
Die Zeitschrift Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau (SLR) wird von Heinz Sünker herausgegeben.
ISSN: 0175-6559, Wolters Kluwer Deutschland, Neuwied
Preis: € 19,-

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Das Frankreich der Reaktion. Von August Lindler auf antifa.sfa.

Unrast Bücher der Kritik

* Gebrauchsanweisungen für die Vergangenheit
* … die Erinnerung darf nicht sterben …
* Die Verneinung des Judentums
* Eine Welt zu verändern
* Erinnern ist nicht genug …
* Erinnerungskulturen im Dialog
* Gefühlte Geschichte und Kämpfe um Identität
* Geschichte nach Auschwitz
* Gespenst Subjekt
* GESTERN MORGEN
* Theorie des Faschismus – Kritik der Gesellschaft.
* Weiter erinnern? Neu erinnern?

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