Hier findet ihr eine kurze Zusammenstellung von Texten zum Fall Sarrazin. Ein No-Go-Reader in einer Print-Version von der edition assemblage ist in Vorbereitung. Anregungen hierzu sind gern gesehen.
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Ein Fall Deutschland
Thilo Sarrazins Rassismen und faschistische Ideologeme
Von Achim Bühl
ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 544 / 20.11.2009
Auszug:
„Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, hat Thilo Sarrazin wegen dessen Äußerungen über MigrantInnen im Magazin Lettre International geistige Nähe zum Nationalsozialismus vorgeworfen. …
Das mit Lettre International geführte Gespräch trägt in Kenntnis Sarrazins die Überschrift „Klasse statt Masse“, eine im weiteren Verlauf paradigmatische Überschrift. Die Ansicht, es gäbe eine „Berliner Zweiklassengesellschaft“, die dichotom in unten und oben aufgespalten sei, in Herrschende und Beherrschte, gehört indes eher zum Gedankengut marxistisch-reduktionistischer Theoreme als zum faschistischen Denken. Doch Sarrazin spricht ja auch nicht von „oben“ und „unten“. Die beiden Klassen werden von Anfang an utilitaristisch bezüglich ihres ökonomischen Nutzens für die Gesellschaft als Ganzes bewertet. Die erste Klasse ist eben „Klasse“, die zweite Klasse nur „Masse“.
„Klasse“ und „Masse“ – Produktive und Unproduktive
Während über die „Klasse“ (Verwaltungsbeamte, Ministerialbeamte, d.h. ganz offensichtlich Sarrazin selber) relativ wenig gesagt wird, wissen wir recht genau, wer denn diese Masse sein soll. Die Menschen der Masse gehören nicht zum „produktiven Kreislauf“, sie werden „ökonomisch nicht gebraucht“, sie leben von Hartz IV und von Transfereinkommen. Nun könnte an dieser Stelle der gutmütige Leser noch einwenden, hier spräche der „große Zyniker“ einer real-existierenden Globalisierung kapitalistischer Vergesellschaftung. Doch Sarrazin selber will eine solche Lesart von Anfang an erst gar nicht aufkommen lassen. So lautet der nachfolgende Satz, der sich durchaus bewusst des von Victor Klemperer präzise analysierten faschistischen Sprachstils bedient: „Dieser Teil (die Masse, der Verf.) muss sich auswachsen“. Und Sarrazin lässt keinen Zweifel daran, was denn dieses „sich auswachsen“ bedeuten soll. Eindeutige eugenische Szenarien werden nunmehr ins Spiel gebracht: Die Fortpflanzung der Masse ist zu verhindern, damit die Klasse nicht zu einer Randexistenz wird. Originalton Sarrazin: „Kein Zuzug mehr, und wer heiraten will, sollte dies im Ausland tun. Ständig werden Bräute nachgeliefert.“ Es dürfe nicht mehr sein, dass „ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert werden“. („Produzieren“ = psychopathologischer Ekel vor der Sexualität der „Unterschicht“ verbunden mit Sexualphantasien – vgl. „Der autoritäre Charakter“, „Massenpsychologie des Faschismus“; der Verf.)
Eugenische Ideologeme sind essenzielle Kernbestandteile faschistischer Ideologie. Zu den Ideologemen der Eugenik zählen u.a. ein biologistisches Gesellschaftsverständnis, sozialdarwinistisches Gedankengut, der Glaube an die Ungleichheit konstruierter Menschenrassen, die Lehre von der ungleichen Wertigkeit menschlicher Individuen aufgrund ihres Genotyps, die Identifizierung der „besser Veranlagten“ mit den oberen Klassen, die Gegnerschaft von Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen für sozial Schwache, der Glaube an die Degeneration des „genetischen Volkskörpers“ in Richtung des Durchschnitts, die Diffamierung einzelner Menschen und Menschengruppen als KostgängerInnen, der Schutz der „Volksgesundheit“ vor „genetischer Entartung“ sowie die Propagierung apokalyptischer Bevölkerungsvisionen.
Den KritikerInnen Kramers ist die Frage vorzuhalten, ob sie von den obigen Ideologemen im Interview Sarrazins denn nichts gelesen haben? Überprüfen wir dies z.B. anhand des Stichworts „apokalyptische Bevölkerungsvision“, so stellen wir fest, dass laut Sarrazin „die Araber und Türken einen zwei- bis dreimal höheren Anteil an Geburten haben, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht“. Die Türken, so Sarrazin, würden Deutschland genauso erobern, „wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate“. Laut Sarrazin gibt es auch das Problem, dass „vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden“. Verschwörungstheorien gepaart mit dystopischer Bevölkerungsprognostik, dies war das Einmaleins rassenhygienischer Handbücher.
Einem nur halbwegs aufmerksamen Leser des Interviews dürften auch kaum die offen rassistischen Konstrukte entgangen sein. Wie in nazistischen Bevölkerungsatlanten (à la Westermann 1938) werden MigrantInnen in Gruppen unterteilt und mit wertenden, stereotypen Eigenschaften versehen. Vietnamesen seien integrationswillig und passten sich besser an und hätten überdurchschnittliche akademische Erfolge, Deutschrussen hätten „eine altdeutsche Arbeitsauffassung“. Dass Arbeiten im Blut der „höherwertigen arischen Rasse“ liegt, wird zwar (noch) nicht offen ausgesprochen, dafür wird aber die Minderwertigkeit anderer Ethnien umso deutlicher betont: „Absolut abfallend sind die türkische Gruppe und die Araber“. Sie seien weder integrationswillig noch integrationsfähig. Die Integrationsfähigkeit stellt dabei offensichtlich ein biologistisches Konstrukt dar, welches mit einem genetisch bedingten IQ verkoppelt wird. So gefallen Herrn Sarrazin osteuropäische Juden, da sie mit einem „um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung“ ausgestattet seien. Die platzierende Sortierung von Intelligenz, Charaktereigenschaften und Integrationsfähigkeit in Abhängigkeit von der ethnischen Zugehörigkeit und ihrer „genetischen Ausstattung“ ist kein „Sprücheklopfen“, wie es in vielen Kommentaren im Internet zu lesen ist, nein, es ist faschistische Rassentheorie pur.
Analysieren wir andere eugenische Kernelementen, wie das biologistische Gesellschaftbild, sozialdarwinistisches Gedankengut sowie den Glauben an die ungleiche Wertigkeit von Menschen und Menschengruppen, so fällt bei der Analyse des Textes vor allem die Verabschiedung von jeglicher Form der Sozialpolitik auf. So kann es laut Sarrazin keinen Wandel in Berlin geben, da er großen Teilen der Bevölkerung über perspektivische Generationen hinweg die Fähigkeit abspricht, sich zu verändern. Dies gilt laut Sarrazin insbesondere für a) Türken, b) Araber und c) die „deutsche Unterschicht“. Auf diese Weise werden große Teile der Gesellschaft exkludiert. Ihnen wird nicht nur jegliche Form der Anerkennung vorenthalten, ihnen werden de facto auch elementare Menschenrechte wie das Recht auf Bildung und Ausbildung verweigert. Sarrazins Fazit lautet demzufolge: „Der Intellekt, den Berlin braucht, muss also importiert werden.“
Auf diese Weise kann man dann auch Schulen ganzer Stadtteile – wie jahrelang in Berlin nicht nur in Neukölln geschehen – kaputt sparen, weil – und dies wird Sarrazin dann wohl im nächsten Interview sagen – „von diesen Idioten sowieso nichts zu erwarten ist“. Von diesem Interview wird er sich dann wieder distanzieren, obwohl er den Lettre-International-Text lange Zeit zur Korrektur vorliegen hatte und angeblich noch härtere Passagen entfernt wurden. „Man muss davon ausgehen“, so Sarrazin, dass menschliche Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich. Der Weg, den wir gehen, führt dazu, dass der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demografischen Gründen kontinuierlich fällt.“ (Glaube an die Degeneration des „genetischen Volkskörpers“; der Verf.) Insbesondere bei den bewusst eher zaghaft vorgestellten Lösungsansätzen wird spätestens der offene Übergang elitär-eugenischer Positionen zum Rassistischen und Faschistischen deutlich: Auslese durch Ausschluss („Auswachsen“) und nicht durch soziale Veränderung wie bessere Schulen (Stichwort: „Rütli-Campus“). Ghettoisierende Abschließung ganzer Bevölkerungsgruppen durch die Versagung sozialer Leistungen sowie elementarer Anerkennung und Würde, das ist das Ziel.
Feindbild „kleine Kopftuchmädchen“
Es gibt nur sehr, sehr wenige Kommentare, die dies ähnlich sehen. Da zumindest bei JournalistInnen davon auszugehen ist, dass das Interview im Original gelesen wurde, wird der Fall Sarrazin so zum Fall Deutschland. Faschistisches Gedankengut, von einem der obersten Banker im Nadelstreifenanzug vorgetragen, der dem Berliner Senat als Finanzsenator angehört hat, und eben nicht von einem Neonazi in Bomberjacke und Springerstiefeln, wird als solches offensichtlich in diesem Land nicht erkannt. Kernelemente neonazistischer Ideologie werden so zu „Provokationen, die wichtige Debatten anstoßen“. Wenn prominente Personen wie der „Blechtrommel“-Regisseur Volker Schloendorff sich gar zustimmend und lobend äußern, wird eines überdeutlich: Migrantenfeindlichkeit und insbesondere Islamfeindlichkeit sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und offensichtlich vor allem inmitten ihrer Elite. Stereotype, xenophobe Bilder wie das vom „kleinen Kopftuchmädchen“, das in diese Gesellschaft nicht passe und daher für uns wertlos sei, wurden lange vorbereitet, nicht zuletzt von namhaften Feministinnen. Ein relevanter Teil der Gesellschaft hat sie offensichtlich bereits derart verinnerlicht, dass ihr fremdenfeindlicher Inhalt nicht mehr dechiffriert wird.
Es sind keine „sprachlichen Entgleisungen“, und es ist auch keine „falsche Wortwahl“, wie Herr Thierse verlauten lässt, es ist eine gezielte Wahl in rassistischer, volksverhetzender Absicht. Der Fall Sarrazin ist kein Fall Sarrazin, er ist ein Fall Deutschland. Dieses Land muss endlich offen, diskursiv als auch juristisch klären, wo die Grenze liegt zwischen Meinungsfreiheit und Volksverhetzung, zwischen einer in einer säkularen Gesellschaft legitimen Islamkritik und einer Islamfeindlichkeit (nicht zufällig werden bei Sarrazin Türken und Araber am abfälligsten beurteilt). Genau dies ist derzeit der Mangel an interkultureller Kompetenz nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Die sogenannten Mohammed-Karikaturen lassen düster in die Zukunft blicken. Welcher Zeichnungen bedarf es denn noch jenseits einer Karikatur mit einer zündenden Bombe auf dem Kopf des Propheten, um zu erkennen, dass dies nichts mehr mit Meinungsfreiheit zu tun hat, sondern das Niveau der Nazi-Zeitung Der Stürmer erreicht? Selbstverständlich muss offen über existierende Integrationsprobleme gesprochen werden. Aber dafür bedarf es keines fremdenfeindlichen, menschenverachtenden Artikels, der kein einziges, reales Integrationsproblem anspricht und sich weit rassistisch und faschistisch öffnet.
Null Toleranz gegen Rassismen!
Der Fall Sarrazin ist schon deshalb ein Fall Deutschland, weil laut repräsentativer Umfrage von Emnid 51 Prozent der 501 Befragten der Äußerung Sarrazins zustimmen, dass ein Großteil der arabischen und türkischen EinwandererInnen „weder integrationswillig noch integrationsfähig“ sei. Zwar werden die Befragten die offen faschistoiden Passagen des Interviews nicht gelesen haben, doch auch für sie gilt, dass Integration einzig und allein eine Aufgabe des Migranten darstellt. Für sie bedeutet Integration de facto nichts anderes mehr als Assimilation: Wir nehmen euren Döner, euer frisches Gemüse und euer Obst und ansonsten werdet ihr WIR. (…)“
Sarrazins Sozialeugenik
16.10.2010 Klassismus-Blog
Auszug:
„Unterschicht soll aussterben
Von diesem seltsamen Ausdruck „auswachsen“ zeigte sich Berberich irritiert:
Berberich: „Wenn Sie sagen ‚auswachsen‘, meinen Sie damit, daß die Leute sterben und sich diese Schicht nicht wieder neu generiert durch Kinder, Enkel usw?“ (198)
Sarrazin bestätigt, dass er mit „auswachsen“ „aussterben“ meint. „Auswachsen“ ist jedoch noch perfider als Aussterben. Immerhin bezieht sich aussterben noch auf die Personen. Sich-Auswachsen ist jedoch ein Terminus, der sich auf einen Organismus bezieht, bei dem ein Makel in den Haaren oder in den Nägeln rauswächst.
Sarazin: „Niels Bohr hat gesagt, er hat noch nie jemanden kennengelernt, der seine wissenschaftliche Meinung geändert habe. Wissenschaftliche Meinungen sind immer nur ausgestorben. Und das ist auch sonst so. An das eine erinnern sich die Leute nicht mehr, und das andere muß sich auswachsen. […] (198)
Unterschichtsgeburten gefährden Bildungssystem
Unmittelbar danach geht Sarrazin auf das Bildungssystem ein:
Sarrazin: „Wir haben ein schlechtes Schulsystem, das nicht besser werden wird. Berlin ist belastet von zwei Komponenten: der Achtundsechzigertradition und dem Westberliner Schlampfaktor. Es gibt auch das Problem, daß vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden. […] So daß das Niveau an den Schulen kontinuierlich sinkt, anstatt zu steigen. In Berlin gibt es stärker als anderswo das Problem einer am normalen Wirtschaftskreislauf nicht teilnehmenden Unterschicht.“ (198)
Es gibt mit Sicherheit keine Studie, die belegt, dass vierzig Prozent der Geburten in der „Unterschicht“ stattfinden. Dass Achtundsechszigertradition (was soll das sein???) und ein „Westberliner Schlampfaktor“ für ein niedriges Niveau an den Schulen zuständig sein soll, wage ich zu bezweifeln. Es ist Aufgabe der Bildungspolitik ein hohes Niveau an Schulen zu gewährleisten. Mir ist nicht bekannt, dass Sarrazin irgendwelche bildungssoziologischen oder pädagogischen Kompetenzen hat. Dass eine hohe Geburtenquote in der Unterschicht das Niveau an Schulen drücken soll, lässt sich nur aufrechterhalten, wenn man von einer sozialgruppenspezifischen Weitervererbung von Intelligenz ausgeht und davon, dass das Bildungssystem nicht kompensatorisch tätig wird. Sarrazin macht beides: er behauptet, dass sich Intelligenz vererbt und negiert irgendeine kompensatorische Zuständigkeit des Bildungssystems:
Sarazin: „Benachteiligte aus bildungsfernen Schichten – davon hat Berlin besonders viele. Es gibt auch keine Methode, diese Leute vernünftig einzubeziehen. […] Unsere Bildungspopulation wird von Generation zu Generation dümmer. Der Intellekt, den Berlin braucht, muß also importiert werden […]. (199)
Dieser klassisch sozialeugenische Ansatz wird kurz später noch einmal untermauert:
Sarazin: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.“ (199)
Die Unterschicht muss aussterben und andere „Rassen“ (oder wie würde Sarrazin sonst „osteuropäische Juden“ mit einem spezifischen IQ gegenüber Deutsche bezeichnen?) müssen die Bevölkerungsqualität in Deutschland heben. Alles klar?
Keine Geldleistungen für Nichtleistungsträger
Sarazin: „Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtsgeburten, und die füllen die Schulen und die Klassen, darunter viele Kinder von Alleinerziehenden. Wir müssen in der Familienpolitik völlig umstellen: weg von Geldleistungen, vor allem bei der Unterschicht. […] Man muß davon ausgehen, daß menschliche Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich. Der Weg, den wir gehen, führt dazu, daß der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt.“ (200)
Den „Unterschichten“ das Geld wegzunehmen, damit sie schneller aussterben, erinnert an Malthus. Es wird ja mit der Umstellung vom Erziehungsgeld zum Elterngeld bereits praktiziert. Sarrazin drückt es schonungslos aus und die bisherige Entwicklung reicht ihm noch nicht. Was soll der Nebensatz mit den Alleinerziehenden? Sollen sie auch „auswachsen“ – oder zwangsverheiratet werden?
Sarazin: „Berlin müßte Stadt der Intellektuellen und der Elite sein, aber die Stadt in ihren politischen Strömungen ist nicht elitär aufgestellt, sondern in ihrer Gesinnung eher plepejisch und kleinbürgerlich. […] Ich würde aus Berlin eine Stadt der Elite machen. Das würde voraussetzen, daß unsere Massenuniversitäten nicht weiterhin massenhaft Betriebs- oder Volkswirte, Germanisten, Soziologen ausbilden, sondern konsequent Qualität anstreben. Die Zahl der Studenten sollte gesenkt, und nur noch die Besten sollten aufgenommen werden. […] Berlin sollte für die Besten attraktiv sein […] Die Schulen müssen von unten nach oben anders gestaltet werden. Dazu gehört, den Nichtleistungsträgern zu vermitteln, daß sie ebenso gerne woanders nichts leisten sollten. […] Wir brauchen Klasse statt Masse.“ (201)
Unterstützer: Schlöndorff, Henkel, Broder, Giordano, Sloterdijk … „Aufbruch der Leistungsträger“
Tja… deutlicher gehts nicht. Leider steht hier Sarrazin nicht allein. Schlöndorff und Henkel („Ich unterstüzte Sarrazin ohne Wenn und Aber“) unterstützen Sarrazin. Henryk M. Broder, der sich damit brüstet, das Interview in voller Länge gelesen zu haben, findet Sarrazins Äußerungen richtig und macht darauf aufmerksam, dass Sarrazins „Kritik“ nicht nur ethnische Gruppen betrifft, sondern auch die deutsche Unterschicht: „das Verhalten der Deutschen, also wenn sie so wollen, der eingeborenen Unterschicht in dieser Stadt ist genauso. Insofern hat die Integration ja gut stattgefunden. Die Migranten benehmen sich so wie die Einheimischen und halten die Hand auf.“ Auch Ralph Giordano meint, man müsse Sarrazins Aussagen richtig lesen und unterstützt Sarrazins Thesen: „Er hat doch recht, wenn er sagt, je niedriger die Schicht, desto höher die Geburtenrate. Er hat doch recht, wenn er sagt, große Teile sind weder integrationswillig noch integrationsfähig. Er hat doch recht, wenn er sagt, wir müssen in der Familienpolitik völlig umstellen, nämlich weg von der Geldleistung, vor allem bei der Unterschicht.“ In der Novemberausgabe des Cicero unterstützt auch Peter Sloterdijk Sarrazins Thesen. Er wettert darüber „wie tief bei uns der Sprachkarren im Dreck steckt“ und nennt sein Manifest „Aufbruch der Leistungsträger [sic!]“.(s.a. Rudolf Walther: Blasen zu Phrasen)
Problematisch ist, dass Sarrazin nur für seinen Rassismus angegriffen wurde, den ich hier ausgelassen habe, der aber natürlich Sarrazins Konzept der Rassenhygiene abrundet. Die Unterschicht hat keine Lobby.“
Stoppt Westerwelle, Koch und Sarrazin! – Kein Platz für Sozialrassismus!
Pressemitteilung vom Erwerbslosen Forum Deutschland via Klassismus-Blog 9. 4.2010
Die Basis der Argumentation von Sarrazin ist das Erbgut
Pressemitteilung des Zentralrats der deutschen Katholiken (Präsident des ZdK, Alois Glück), 30.08.2010:
„Die Basis der Argumentation von Sarrazin ist das Erbgut, eine Reduzierung des Menschen auf seine Biologie. Danach werden sie in erwünschte und unerwünschte, brauchbare und unbrauchbare sortiert. Solches Denken war und ist die Grundlage eugenischer Debatten mit einer eigenen Dynamik, bis hin zu den Euthanasieprogrammen.“
Sarrazin und der Zeitgeist. Sarrazin argumentiert zweifellos rassistisch
Klaus Hödl (wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Jüdische Studien an der Karl-Franzens-Universität Graz). In derStandard.at, 31. August 2010
„Sarrazins Vorstellungen über die gegenwärtigen sozialen Probleme und zukünftige Entwicklung Deutschlands kennzeichnen auffällige Ähnlichkeiten mit dem rassenhygienischen Diskurs um die Wende zum 20. Jahrhundert […] Sarrazin, und auch darin stimmt er mit den Rassenhygienikern überein, schreibt Juden eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz zu.“
„Debatten aus dem 19. Jahrhundert“
Markus Nöthen (Direktor des Instituts für Humangenetik der Universität Bonn): Interview mit Markus Nöthen. General-Anzeiger, 02.09.2010:
„Generalanzeiger: Die Diskussion über die Frage, inwieweit Intelligenz angeboren oder erworben ist, wird nicht zum ersten Mal geführt.
Nöthen: Die Konzepte von Herrn Sarrazin erinnern an Diskussionen aus dem 19. Jahrhundert, aus denen sich auch die Eugenik nährte.“
Debatte um Sarrazin. Alles auf Aha-Erlebnis
Andrian Kreye, Süddeutsche.de, 02.09.2010
„Momentan konzentriert sich die Debatte auf die drei großen Schwachpunkte in Sarrazins Text: die Ethnisierung eines Klassenproblems; die eugenische Betrachtung eines Bildungsproblems; und die segregationistische Behandlung des Integrationsproblems.“
Das verstehe ich nicht
Andreas Bernar, SZ-Magazin.de, 02.09.2010
„Ein Buch prägt also die gegenwärtige Diskussion, das in Vokabular und Argumentation nahtlos an die rassenbiologischen Standardwerke der Zeit um 1900 anschließt. Man müsste in den Traktaten eines Alfred Ploetz, Erfinder des Wortes »Rassenhygiene«, nur das Wort »slawisch« durch »muslimisch« und »Rasse« durch »Glauben« ersetzen und hätte dieselben Hypothesen.“
Sarrazin: ein Eugeniker? – Eine Pressesammlung
3.9.2010 Klassismus-Blog
Wissenschaftliches Gutachten: Sarrazins Äußerungen “eindeutig rassistisch”
Veröffentlicht am 22. Januar 2010 von Red. der braune mob
Ein von der SPD in Auftrag gegebenes Gutachten bewertet Äußerungen des früheren Berliner Finanzsenators und jetzigen Vorstandes des Deutschen Bundesbank, Thilo Sarrazin (SPD), als „eindeutig rassistisch“.
Auszüge aus dem Resumee (Hervorhebungen von uns):
1. Die beanstandeten Einlassungen von Dr. Thilo Sarrazin im Interview mit „Lettre International“ sind in zentralen Passagen eindeutig als rassistisch zu betrachten, insofern sie Differenz konstruieren, Wertungen vornehmen, Zuschreibungen verallgemeinern(…)
2. Rassistische Passagen des Textes sind z. T. Ausdruck von kulturellem/kulturalistischem Rassismus (Ethnophobie/Heterophobie), z. T. von sozialem Rassismus, schließlich auch der Zuschreibung „positiver“ Eigenschaften an bestimmte Abstammungs- oder Herkunftsgemeinschaften.
3. Ihre besondere Radikalität erhalten die beanstandeten Einlassungen durch die wiederholte Verneinung der Möglichkeit einer Veränderung, der daraus folgenden Verweigerung von Anerkennung, Grund- und Menschenrechten, sowie der Absage an politische Anstrengungen zur Förderung von Integration, welche nur noch als individuelle „Bringschuld“ begriffen wird.
5. Die beanstandeten Einlassungen sind nicht bloß Ausdruck unbewusster rassistischer Ressentiments, die sich eruptiv Bahn brechen. Sie dienen vielmehr der bewusst als Tabubruch inszenierten Konstruktion und Mobilisierung von Vorurteilen, verknüpft mit weit reichenden – in dieser Radikalität sonst nur von antidemokratischen, rechtsextremen Parteien erhobenen – Handlungsvorschlägen an die Politik.
Das ganze Gutachten als PDF bei der braune mob lesen: Hier.
Protestschreiben gegen den Auftritt von Thilo Sarrazin im Haus der Kulturen der Welt
via Migrationsrat Berlin Brandenburg e. V.
Berlin, 24.08.2010 | Zu lesen bei der braune mob e.V.
Auszug:
„Wir protestieren dagegen, einem Politiker, der aufgrund seiner rassistischen Äußerungen bekannt geworden ist und seine Thesen nun in Buchform präsentiert, eine derartige Plattform im Haus der Kulturen der Welt zu bieten. Sarrazin beschreibt unter Rekurrierung auf eine „aggressive und atavistische Mentalität“ einen Großteil der „Araber“ und „Türken“ als „weder integrationswillig noch –fähig“ und unterteilt Menschen in vermeintlich „produktive“ und „nicht-produktive“ und damit erwünschte und unerwünschte Mitglieder dieser Gesellschaft. Seine Hetze mündet in apokalyptischen Bedrohungsszenarien, in denen insbesondere muslimische Migrant/innen und ihre Nachkommen zu einer Gefahr für das „Abendland“ stilisiert werden. So schreibt Sarrazin in seinem Buch: „Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken Türkisch und Arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. (…) Demografisch stellt die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa dar.”
Mit der Akzeptanz der Propagierung einer solchen Weltsicht verliert der Gastgeber der geplanten Veranstaltung – das Haus der Kulturen der Welt – jegliche Glaubwürdigkeit in Bezug auf den Anspruch, den es im Namen führt.“
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